Menü

Axel Springer gibt ProSiebenSat.1 auf

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 152 Beiträge
Von

Der Zeitpunkt sei günstig, der Preis attraktiv: Mit dem Verkauf ihrer Anteile am TV-Konzern ProSiebenSat.1 verabschiedet sich die Axel Springer AG vorläufig vom deutschen Fernsehgeschäft, nachdem zuvor noch Berichte von einer Übernahme in kleinen Schritten kursierten. Für mehr als 509 Millionen Euro soll das 12-Prozent-Paket an die ProSieben-Mehrheitseigner KKR und Permira gehen. Das Geld wird allerdings erst im kommenden Jahr in die Verlagskasse fließen. Mit der bevorstehenden Entscheidung über die Zukunft des Briefzustellers PIN Group AG, an dem Europas größtes Zeitungshaus (unter anderem Herausgeber der "Bild"-.Zeitung) die Mehrheit hält, habe der Verkauf nichts zu tun, betonte Konzernsprecherin Edda Fels am heutigen Dienstag.

Schon an diesem Freitag, wenn der Bundestag aller Voraussicht nach dem Postmindestlohn zustimmt, will der Verlag bekannt geben, wie es mit PIN weitergeht. Eine Insolvenz schließt niemand mehr aus – auch wenn Kritiker die Begründung mit dem Post-Mindestlohn angesichts bislang schon aufgelaufener Verluste für vorgeschoben halten und dem Konzern vorwerfen, ein Geschäftsmodell rein darauf aufzubauen, dass Mitarbeiter zusätzlich vom Staat unterstützt werden. Andere wiederum werfen der Regierung vor, auf die Strategie der Post hereingefallen zu sein, einen hohen Mindestlohn durchzusetzen, um Konkurrenten auszuschalten.

Den 9.000 PIN-Mitarbeitern droht jedenfalls ein "schwarzer Freitag". Die Entlassung von rund 880 Mitarbeitern wurde bereits bekannt gegeben. Ein Ende der Postaktivitäten wäre für Springer schmerzlich. Anders als beim ProSieben-Engagement sollte das Postgeschäft eine Konzernsäule werden. Im vergangenen Jahr war die Übernahme von ProSieben am Veto des Kartellamtes gescheitert. Die verbleibende Beteiligung an der TV-Gruppe hatte Springer zum rein finanziellen Engagement erklärt, das aber auch zur strategischen Beteiligung ausgebaut werden könnte. Damit ist zunächst einmal Schluss.

In die PIN Group hat das Medienhaus bisher 600 Millionen Euro investiert – ein weiteres Engagement könnte zum Fass ohne Boden werden. Mit Lohnuntergrenzen zwischen 8 und 9,80 Euro könne kein Postkonkurrent antreten, hatte Springer-Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner erklärt. Für dieses Jahr werden Verluste von 55 Millionen Euro erwartet. Wie immer Döpfner am Freitag entscheidet – er hat Rückendeckung des Aufsichtsrats, dem auch Mehrheitseigentümerin Friede Springer angehört. Offen ist allerdings, wie sich die anderen Teilhaber der PIN Group verhalten und ob sie sich an weiteren finanziellen Verpflichtungen beteiligen werden.

Ohne die PIN Group gäbe es mit dem Beginn der Liberalisierung auf dem deutschen Briefmarkt am 1. Januar 2008 keinen großen Gegenspieler zur Deutschen Post mehr. Zwar haben einige Einzelgesellschaften der Gruppe in Ballungsgebieten wie Berlin eine Überlebenschance. In der Fläche bliebe das einstige Staatsunternehmen für längere Zeit faktisch Einzelspieler.

Spätestens seit dem Koalitionskompromiss für den Mindestlohn stand das Projekt für einen schlagkräftigen Postkonkurrenten auf Messers Schneide. Noch im Juni hatte Axel Springer das PIN-Engagement als attraktives Investment gepriesen und mit 510 Millionen Euro die Mehrheitsbeteiligung an der Gruppe mit Luxemburger Hauptsitz erworben. Mit den Medienhäusern WAZ, Holtzbrinck, Madsack und dem von einer Reihe von Verlagen getragenen Unternehmen West Mail als Partner sah Springer gute Aussichten mit dem offiziellen Wegfall des Briefmonopols.

Die Zeitungshäuser suchen angesichts schwindender Auflagen und Online-Konkurrenz neue Geschäftsfelder. Mit dem Einstieg in den Briefmarkt wollen sie sich breiter aufstellen und aus ihren Vertriebsnetzen Synergien schöpfen. Wer morgens Zeitungen verteilt, könne gleichzeitig auch die Briefpost ausliefern, hieß das Modell. Tatsächlich wuchs die 2005 gegründete PIN Group AG mit einem eigenen Verteilnetz zum zweitgrößten Anbieter auf dem Briefmarkt an. Täglich werden 3,2 Millionen Sendungen verteilt, der Umsatz liegt bei 168,3 Millionen Euro (2006). Springer war "schlimmstenfalls" von 7,50 Euro Mindestlohn ausgegangen. Ein Anstieg um 30 Prozent sei aber nicht zu verkraften.

Springer steht im Stammgeschäft gesund da und ist sehr profitabel. In den ersten neun Monaten dieses Jahres steigerte der Konzern den Gewinn um 3,6 Prozent auf 179,6 Millionen Euro. Unter Döpfner wurde die Digitalisierung energisch vorangetrieben, im Ausland zugekauft und in das Internetgeschäft in Deutschland investiert. Der Geldbringer "Bild"-Zeitung wird nun im Netz neu aufgestellt. Dafür hat Springer von der Telekom die Anteile am bisher gemeinsamen "Bild"-Portal übernommen, das in den kommenden Tagen mit neuem Auftritt startet. Sollte es mit den Briefgeschäft doch nichts werden, will Springer noch stärker im Ausland expandieren. (Esteban Engel, dpa) / (jk)