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BT legt Pläne für umstrittenes Werbesystem auf Eis

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Der britische Netzbetreiber BT wird die umstrittene Werbeplattform Webwise vorerst nicht einsetzen und legt entsprechende Pläne auf Eis. Das Unternehmen wolle seine Ressourcen auf den Ausbau des Breitbandnetzes sowie den Aufbau einer IPTV-Plattform setzen, teilte BT dazu Ende vergangener Woche mit. Der Netzbetreiber hatte das von Phorm entwickelte System im vergangenen Jahr getestet und galt als der erste Kandidat für den Einsatz des datenschutzrechtlich umstrittenen Verfahrens, mit dem Online-Werbung zielgenau den Gewohnheiten und Vorlieben der Anschlusskunden entsprechend eingeblendet werden soll.

Die dafür nötigen Daten greift Phorm direkt beim Internetprovider ab. So kann der Anbieter genaue Profile über Verweildauer, Vorlieben für Shops und Produkte sowie Lesegewohnheiten einzelner Anschlussinhaber sammeln und diese mit entsprechender Werbung versorgen. Das nach Angaben des Anbieters anonymisierte Verfahren hatte in Großbritannien jedoch für Diskussionen gesorgt. Datenschützer und Sicherheitsexperten äußerten erhebliche Bedenken gegen das System. Für Empörung sorgte dabei auch, dass BT das Verfahren zunächst heimlich an tausenden Kunden getestet hatte.

Nachdem die britische Regierung und der Regulierer zunächst keine Bedenken gegen das Verfahren vorbrachte, hatte im April die EU-Kommission den Druck auf London erhöht und ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Großbritannien eingeleitet. Im Wohlwollen des Wirtschaftsministeriums für Webwise sieht Brüssel "Probleme bei der Umsetzung der EU-Vorschriften zum Datenschutz". Inzwischen beschäftigt sich eine fraktions- und kammerübergreifende Gruppe des britischen Parlaments im Rahmen einer Bestandsaufnahme zur Regulierungspolitik auch mit datenschutzrechtlichen Fragen und den besonderen Herausforderungen der gezielten Werbevermarktung.

Der Ausstieg von BT mit 4,8 Millionen Breitband-Kunden ist ein weiterer schwerer Rückschlag für Phorm. Mit eBay und Amazon hatten zuvor die beiden größten Online-Händler angekündigt, ihre Angebote nicht von Webwise erfassen zu lassen, später war auch die Wikimedia Foundation ausgestiegen. Damit geht Phorm ein enormer Bestand an Shopping-Daten verloren, die das System für das sogenannte "Behavioural Targeting" aber dringend benötigt. Nach der Ankündigung von BT brach der Kurs der Phorm-Aktie um fast ein Drittel ein. Unterdessen ist unklar, wie sich die zwei anderen Provider verhalten, die Webwise ebenfalls testen wollten, damit aber noch nicht begonnen haben. Virgin Media erklärte, eventuelle Datenschutzbedenken seiner Kunden ernst nehmen zu wollen.

Phorm schwimmen in Großbritannien damit langsam die Felle weg. Der Anbieter will sich nun verstärkt auch auf ausländische Märkte konzentrieren, wo er schneller zum Zuge zu kommen hofft. Zuletzt hatte Phorm den südkoreanischen Provider KT für einen Test gewinnen können. Dennoch dürften die Investoren angesichts der Nachrichten aus Großbritannien langsam nervös werden. Das Unternehmen hatte im Juni für das vergangene Geschäftsjahr 2008 einen Verlust von nahezu 50 Millionen US-Dollar (35 Millionen Euro) ausgewiesen. Mit Sparmaßnahmen sowie Entlassungen seien die laufenden Kosten weiter gesenkt worden, hieß es dazu. Zuletzt konnte das Unternehmen durch die Platzierung eines Aktienpakets frisches Kapital in Höhe von 15 Millionen US-Dollar (10,7 Millionen Euro) einholen.

Siehe dazu auch:

Zur Funktionsweise von Phorm siehe auf The H:

(vbr)

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