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Banker sehen mögliche "Seitwärtsbewegung" am Arbeitsmarkt

Der deutsche Arbeitsmarkt ist rasant ins Jahr 2017 gestartet – die Arbeitslosenquote ist so gering wie seit vielen Jahren nicht mehr. Volkswirte sprechen allerdings von einer Verlangsamung im zweiten Quartal, obwohl die Konjunktur weiterhin gut läuft.

Arbeitsmarktentwicklung

(Bild: Bundesagentur für Arbeit)

Der deutsche Arbeitsmarkt wird nach Einschätzung von Bankern in der zweiten Jahreshälfte merklich an Tempo verlieren. Allerdings ist die Ausgangslage komfortabel – die Arbeitslosigkeit sank zuletzt rapide. Die Konjunktur, so heißt es, ist weiterhin erfreulich.

In einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur haben Volkswirte deutscher Großbanken die Erwartung geäußert, dass in den nächsten Monaten und auch im Jahr 2018 nicht mehr mit einem so starken Rückgang der Arbeitslosigkeit zu rechnen sei wie zuletzt. Die meisten rechnen damit, dass die Zahlen auf demselben Niveau bleiben. Das hänge auch mit der erwarteten steigenden Zahl arbeitsloser Flüchtlinge zusammen.

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Stefan Schneider ist leitender Wirtschaftsfachmann bei Deutsche Bank Research in Frankfurt. Ihm zufolge sehen Unternehmer die gute Konjunktur schon wieder mit gemischten Gefühlen – wegen anstehender harter Tarifverhandlungen mit Gewerkschaften.

(Bild: Deutsche Bank)

"Wir haben Anzeichen, dass sich in den kommenden Monaten die Fluchtmigration stärker in den offiziellen Arbeitslosenzahlen niederschlagen wird", sagte der Commerzbank-Ökonom Eckart Tuchtfeld. Bisher sei die Arbeitslosigkeit der Deutschen so stark gesunken, dass der leichte Anstieg der Flüchtlings-Arbeitslosigkeit unter dem Strich nicht zu einem Anstieg der Gesamtarbeitslosigkeit führte. Mit einer wachsenden Zahl erwerbsloser Asylsuchender könne sich das ändern.

DZ-Bank-Ökonom Michael Holstein sieht beim Jobaufschwung im ersten Halbjahr zudem gewisse Tendenzen einer "Überzeichnung": "Ein so schneller Abbau der Arbeitslosigkeit lässt sich nicht auf Dauer durchhalten", so Holstein. Der Chefvolkswirt der KfW-Bankengruppe, Jörg Zeuner, geht dagegen weiterhin von einer "Aufwärtsentwicklung" auf dem Arbeitsmarkt aus.

In den ersten sechs Monaten dieses Jahres ist die Zahl der Arbeitslosen um rund 300.000 gesunken. Dabei wurden selbst die guten Vorjahreswerte im Verlauf um einen Wert von durchschnittlich 150.000 unterschritten. Wegen des starken ersten Halbjahrs wird 2017 nach Einschätzung der Experten trotz der erwarteten "Seitwärtsbewegung" im zweiten Halbjahr als Boomjahr in die deutsche Arbeitsmarktgeschichte eingehen. Mit voraussichtlich 2,54 bis 2,6 Millionen Erwerbslosen werde die Zahl im laufenden Jahr um voraussichtlich 100.000 bis 150.000 unter dem Vorjahresergebnis liegen, prognostizieren die Ökonomen der großen deutschen Geldhäuser.

Für den Juli erwarten sie zum Auftakt der Sommerpause einen leichten Anstieg der Arbeitslosigkeit um 55.000 bis 60.000 Erwerbslose auf rund 2,53 Millionen. Das wären dennoch rund 130.000 weniger als vor einem Jahr. Mit dem Beginn der Sommerferien in einigen Bundesländern verschieben viele Unternehmen ihre Einstellungen auf den Frühherbst.

In konjunktureller Hinsicht sehen die befragten Volkswirte die deutsche Wirtschaft dagegen weiter in Hochform. Wie euphorisch viele Unternehmen die Lage einschätzten, habe erst vor kurzem der Ifo-Geschäftsklimaindex gezeigt. Was vor allem Allianz-Volkswirt Rolf Schneider optimistisch stimmt: "Der Aufschwung wird inzwischen auch von der Industrie mitgetragen." Diese profitiere zunehmend von der verbesserten weltwirtschaftlichen Lage – vor allem bei den europäischen Nachbarländern, aber auch in Asien.

Nach Beobachtung des Deutschland-Chefvolkswirts bei der Deutschen Bank, Stefan Schneider, sorgt die schön rund laufende Wirtschaft in den Chefetagen einiger Unternehmen schon wieder für Sorgenfalten auf Managerstirnen – mit Blick auf die im nächsten Jahr anstehenden Metall-und-Bau-Tarifrunden. Auch im öffentlichen Dienst laufen Tarifverträge aus. Da dürften die Gewerkschaften wohl versuchen, entsprechend hohe Lohnabschlüsse für die Beschäftigen herauszuholen, vermutet Schneider. Angesichts des knappen Angebots an Arbeitskräften stünden die Chancen dafür gar nicht so schlecht. (dpa) / (psz)

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