Menü

"Be preparanoid": Künstler und Aktivisten vereint gegen den Überwachungsstaat

Das Festival Transmediale beleuchtet unter dem Motto "Afterglow" die postdigitale Welt nach dem Ende der Vernetzungsutopien. Den Anfang machten die Filmemacherin Laura Poitras, der Konzeptkünstler Trevor Paglen und der Sicherheitsexperte Jacob Appelbaum.

von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 35 Beiträge

"The revolution is over. Welcome to the afterglow." Das Motto der Transemdiale nimmt Bezug darauf, dass die "oostdigitale Kultur keineswegs immateriell und neutral" sei.

"Ich hoffe, wir werden eines Tages aufwachen aus dem Albtraum", seufzt Poitras am Ende ihrer Präsentation über ihre langjährige Dokumentation des Kriegs gegen den Terror am Donnerstagabend im überfüllten Vortragssaal der Transmediale in Berlin. "Es ist doch etwas Einzigartiges, wenn Folter legalisiert wird", erklärt sie dem bunt gemischten Publikum des Medienfestivals.

Die US-Regierung und Teile der Presse hätten der eigenen Bevölkerung glauben machen wollen, dass daran nichts falsch sei. Für sie und viele andere US-Bürger sei es aber unvorstellbar, dass Guantanamo noch immer existiere.

Laura Poitras: "Ich hoffe, wir werden eines Tages aufwachen aus dem Albtraum."

Die Dokumentarfilmerin Poitras steht eigentlich nicht gern im Scheinwerferlicht. Der NSA-Whistleblower Edward Snowden hatte sich vor genau einem Jahr an sie gewandt. Nach mehreren Monaten "anonymer Kommunikation" mit dem Mitarbeiter eines privaten Vertragspartners des US-Geheimdienstes sei sie im Juni mit dem damals hauptsächlich für den Guardian arbeitenden Reporter Glenn Greenwald nach Hongkong geflogen, berichtete Poitras nun auf der großen Bühne. Dort habe sie die Kamera beim ersten Interview mit Snowden über die umfassende Internetspionage der NSA geführt.

Schon bevor Snowden sie kontaktierte, war die US-Bürgerin nach Berlin gezogen. "Es fühlte sich so an, als ob man dort sicher arbeiten könnte", erklärte sie ihren Schritt. Die ständigen und langwierigen Durchsuchungen beim Reisen in oder zurück in ihre Heimat seien nervenaufreibend gewesen, hätten aber auch ein gutes gehabt: "Ich bin dadurch immer besser in Sicherheitsdingen geworden", freut sie sich. Sie verstehe sich nun darauf, mit sensiblem Material von vornherein angemessen umzugehen und technische Schutzmöglichkeiten zu nutzen.

Alles, was die Öffentlichkeit mittlerweile über die Massenausspähung durch die NSA und andere Geheimdienste wisse, ist Poitras zufolge "vielen mutigen Whistleblowern zu verdanken, die ihr Leben dafür komplett umgeworfen haben". Vor Snowden habe sie persönlich bereits der frühere NSA-Mitarbeiter William Binney über Überwachungsprogramme wie Stellar Wind ins Bild gesetzt. Dieser sei "Augenzeuge" der überbordenden Spionageaktivitäten gewesen, habe aber keine Dokumente dafür als Nachweis gehabt. Binney sitzt am Sonntag auf einem Whistleblower-Panel des Festivals.

Bevor sich Poitras dem NSA-Thema zuwandte, hatte sie unter anderem Kurzfilme über Guantanamo gedreht. In einem davon begleitet sie die Übergabe eines Leichnams eines früheren Häftlings des Lagers an Hinterbliebene im Jemen, der laut einem US-Gericht längst hätte entlassen werden sollen. Davor hatte die Filmemacherin eine irakische Delegation nach Abu Ghraib begleitet, nachdem ein Sergeant dort entstandene Bilder als "schrecklichste Beispiele für die Grauen des Kriegs" ans Licht der Öffentlichkeit gebracht hatte. Generell versuche sie mit ihren Arbeiten, die Zuschauer anhand in Bewusstsein gerückter menschlicher Reaktionen nachempfinden zu lassen, "was falsch läuft in der Antwort auf 9/11".

Jacob Applebaum: Es helfe, auf Winkelzüge von Geheimdiensten vorbereitet und paranoid zu sein: "Be preparanoid."

Mit anderen Mitteln bemüht sich auch Jacob Appelbaum um ein ähnliches Ziel. Vor einem Monat hatte er auf Hacker-Kongress 30C3 tiefe Einblicke in den Instrumentenkasten der NSA und deren zahlreiche technischen "Implantate" gegeben, die aus IT-Geräten aggressive Abhörwanzen und Funksender machen. Der Netzaktivist, der mit Poitras bereits zusammengearbeitet hat und wie diese aus den USA in die Bundeshauptstadt emigriert ist, wertete es als Erfolg, dass viele Leute mittlerweile ganz neu etwa über ein USB-Kabel nachdächten.

Dass die NSA jedes Computerwerkzeug unterwandern könne, sei vor den auf Snowden zurückgehenden Enthüllungen "Gegenstand von Science-Fiction" gewesen, führte Appelbaum aus. Die Agenten hätten "Alltagsgegenstände in Waffen" verwandelt. Den Unterdrückern in die Hände spiele dabei, dass "wir zu stark auf proprietäre Hard- und Software setzen". Dagegen helfe es, auf Winkelzüge von Geheimdiensten vorbereitet und paranoid zu sein: "Be preparanoid", gab der Sicherheitsexperte als Losung aus. Jeder Nutzer müsse sich immer wieder sagen: "Immer, wenn du verschlüsselst, gewinnst du den Krieg gegen die Privatsphäre ein bisschen."

Ein mangelndes Interesse in der Bevölkerung am Widerstand wollte Appelbaum nicht erkennen. Viele Leute wüssten zwar nicht, was sie gegen Guantanamo oder die NSA machen sollten. Dies bedeute aber nicht, dass sie diesen Ungetümen apathisch gegenüberstünden. Zahlreiche Kreative steckten auch bereitwillig Energie in alle erdenklichen Protestformen. Es sei nötig, diese Arbeiten zusammenzubringen. Der deutschen Öffentlichkeit sprach der Aktivist ein "großes Verständnis für die Gefahren totalitärer Staaten" zu. In jedem Amerikaner, der Osama bin Laden keine faire Gerichtsverhandlung zugestehen wollte oder das Ausspionieren von EU-Bürgern für gut heiße, stecke dagegen "ein kleiner Faschist".

Noch unschlüssig ist sich Trevor Paglen, wann es an der Zeit ist, die USA zu verlassen. Der Konzeptkünstler macht in seinen Fotos mit gewaltigen Teleobjektiven Militärdrohnen, Spionagesatelliten oder geheime Aufklärungsstationen für den Betrachter sichtbar und will damit einen Beitrag leisten, diese "bösen Infrastrukturen" niederzumachen. Er lichtet Angestellte von Vertragsfirmen der CIA ab, die Entführungen Terrorverdächtiger oder Gefangenentransporte erledigen. Vier Millionen Menschen arbeiteten im Geheimdienstsektor oder dessen Umfeld in den USA, weiß der gelernte Geograf. Sie hinterließen Spuren, die man aufzeichnen könne. (Stefan Krempl) / (jk)

Anzeige
Zur Startseite
Anzeige