Menü

Landesbeauftragter: "Das Internet radikalisiert den Antisemitismus"

Das Internet radikalisiert nach Ansicht des baden-württembergischen Antisemitismusbeauftragten Michael Blume die Vorurteile gegen Juden.

Lesezeit: 1 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 134 Beiträge

(Bild: NicoElNino / shutterstock.com)

Von

Das Darknet, Facebook, WhatsApp und Youtube – das Aufkommen von Internet und sozialen Medien hat den Antisemitismus nach Ansicht des zuständigen Landesbeauftragten Michael Blume nicht nur beschleunigt. Der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte geht sogar davon aus, dass der Judenhass per Tastatur und Mausklick sich verfestigen und zu einer bleibenden Bedrohung werden wird.

Nach Ansicht Blumes wird der Einfluss des Internets auf den Antisemitismus und die schwelende Abneigung in der Gesellschaft deutlich unterschätzt. Er forderte im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur eine bessere Medienausbildung für Pädagogen, einen stärkeren Einsatz für Lokalzeitungen und eine Neukonzeption der "Holocaust-Pädagogik".

"Im Internet begegne ich Trump, Erdogan, Macron, Netanjahu und Merkel. Aber ich begegne nicht mehr der Politik vor Ort", kritisierte Blume. "Unser Vertrauen in das demokratische System hat eigentlich darauf aufgebaut, dass ich zum Beispiel über die Zeitung die Kommunalpolitik kennenlerne und dann einen Blick für die größere Politik erhalte. Und das wird jetzt durch Emotionen und Verschwörungsvorwürfe im Internet auf den Kopf gestellt." Er fürchte, dass diese Entwicklung noch nicht vorbei sei: "Der Antisemitismus als Glauben an jüdische Weltverschwörer war nie weg. Jetzt radikalisiert er sich aber zusätzlich über das Netz und ist leider wieder voll da. Und es ist meine Befürchtung, dass er nicht mehr von alleine verschwinden wird."

Blume schlägt neue Angebote wie Podcasts und eine landesweit einheitliche Bezahlschranke – eine Paywall – für lokale Medien mit Schultarifen vor, um auch jungen Menschen einen bezahlbaren Zugang zum politischen Prozess zu bieten. "Wenn die lokale Ebene in der Wahrnehmung wegfällt, dann verlieren die Menschen das Gefühl von Selbstwirksamkeit", warnte Blume. "Auf lokaler Ebene können sie noch etwas bewirken. Fehlt diese aber, wird das Internet zum Einfallstor für Verschwörungsmythen."

Zwar habe die Zahl der Antisemiten nicht massiv zugenommen. "Aber die Leute, die eine antisemitische Einstellung oder antisemitische Tendenzen haben, werden radikaler", sagte der Landesbeauftragte. Es gehe weiterhin nur um weniger als jeden Fünften in Baden-Württemberg. "Aber die Menschen, die in diese Richtung tendieren, haben in Blasen wie Facebook und WhatsApp das Gefühl, sie stünden für eine schweigende Mehrheit."

Wichtig sei es auch, die Jugendlichen für die Debatte über den Nationalsozialismus und Antisemitismus zu gewinnen. Juden dürften zudem nicht nur als Opfer dargestellt werden. "Dann entsteht zwar Mitleid. Aber Mitleid ist noch kein Respekt", sagte Blume. "Wir können den Kindern nicht sagen 'Jetzt schauen wir uns im Schwarzweiß-Film an, wie Juden getötet wurden, danach besuchen wir eine Gedenkstätte und dann seid Ihr immun gegen Antisemitismus.' So einfach ist es halt nicht."

Auch in der #heiseshow haben die Kollegen bereits über eine Radikalisierung im Netz gesprochen. CDU-Politiker Norbert Lammert hat sich kürzlich für "Denkpausen" in den sozialen Medien ausgesprochen. (emw)