Menü

Bei Bertelsmann spielt die Musik nicht mehr

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 83 Beiträge

Fast genau 50 Jahre ist es her, dass der Gütersloher Medienriese Bertelsmann das Plattenlabel Ariola gründete. Von Peter Alexander bis Konstantin Wecker hatte seitdem fast alles einen Vertrag mit Ariola, was Rang und Namen in deutschsprachigen Hitparaden hatte. Die Songs brachten den Künstlern Ruhm und Bertelsmann viel Geld. Das Musikgeschäft wuchs und wuchs, wurde internationaler und mündete 2004 schließlich in der turbulenten Musikehe Sony BMG. Das weltweit zweitgrößte Musikunternehmen nach Universal Music hat international bekannte Künstler wie Alicia Keys, Justin Timberlake oder Beyoncé unter Vertrag.

Jetzt zog Bertelsmann-Vorstandschef Hartmut Ostrowski die Reißleine und reichte nach vier nicht immer harmonischen Jahren die Scheidung von Sony ein. Der Preisverfall für Musik im Internet und die Neuorientierung vieler Topstars der Musikszene hin zu Tourneeveranstaltern haben die Umsätze in der Musikindustrie in den vergangenen zehn Jahren purzeln lassen. Der japanische Unterhaltungsriese Sony übernimmt die restlichen 50 Prozent von Sony BMG und lässt das Musikgeschäft künftig unter Sony Music Entertainment firmieren.

Sony BMG hatte unter Vorstandschef Rolf Schmidt-Holtz 2007 rund 180 Millionen Euro operativen Gewinn erzielt und drei Milliarden Euro umgesetzt. In der ersten Hälfte 2008 sollen die Umsätze nach einem jahrelangen Schrumpfungsprozess erneut zurückgegangen sein. Im Gegensatz zu Sony hat Bertelsmann den Glauben verloren, das Musikgeschäft in absehbarer Zeit wieder zu einer einträglichen Gelddruckmaschine machen zu können. Man müsste massiv investieren, um den Transformationsprozess der Branche zu gestalten, heißt es in Gütersloh. Und vorherzusagen, ob dieser Prozess überhaupt jemals gelingt, komme Rätselraten gleich.

Für Sony ergibt der Kompletteinstieg schon eher Sinn. "Wir können den Verbrauchern so ein umfassendes Angebot unterbreiten", sagt Konzernchef Howard Stringer. Sony macht sein Hauptgeschäft mit Unterhaltungselektronik. Unter anderem werden bei Sony Ericsson Mobiltelefone verkauft, auf die die gesamte Musikindustrie als Vertriebslinie der Zukunft schielt. Und im Gegensatz zu Bertelsmann verfügt Sony auch noch über einen Musikverlag. Den hatten die Gütersloher für 1,6 Milliarden Euro geopfert, um einen Börsengang zu verhindern.

Für Bertelsmann hat der Anteilsverkauf einen rechnerischen Wert von rund 970 Millionen Euro, sagen Eingeweihte. Mit eingerechnet ist dabei unter anderem die Verlängerung von Verträgen mit der Industrietochter Arvato, die weitere sechs Jahre lang für Sony unter anderem einen Teil der CDs pressen darf. "Ein komplexes Gesamtkunstwerk" soll das Vertragswerk sein, an dem Manager beider Seiten offenbar monatelang gefeilt haben.

Obwohl für Bertelsmann die 50 Jahre lange Musikgeschichte noch immer nicht ganz zu Ende ist – der Konzern hat sich die Rechte an einem Katalog von Aufnahmen von 200 europäischen Künstlern gesichert und will sie künftig digital vermarkten – hat Konzernchef Ostrowski jetzt andere Pläne. Er ist ein gutes halbes Jahr nach seinem Amtsantritt dabei, den einst von Firmenpatriarch Reinhard Mohn geschaffenen Medienkonzern völlig umzubauen.

Von der einstigen Keimzelle, den Buchclubs der Konzernsparte Direct Group, ließ er nur noch einen Kern übrig. Der unprofitable Rest wurde bereits verkauft. Die einst an die Buchclubs angedockte Musiksparte wurde nun erwartungsgemäß ebenso geopfert. Damit verlor Europas größter Medienkonzern rechnerisch auf der Basis von 2007 binnen weniger Wochen 100 Millionen Euro operativen Gewinn und 4 Milliarden Euro Umsatz. Es bleiben die wachstumsstarken Unternehmensbereiche Fernsehen (RTL Group) und Industriedienstleistungen (Arvato) sowie die stabilen Sparten Zeitschriften (Gruner + Jahr) und Buchverlage (Random House).

Um ihre ehrgeizigen Wachstumsziele zu erreichen, will die Konzernführung künftig zusätzlich auf das Segment Bildung setzen. Schon beim Verkauf der nordamerikanischen Buch- und Musikclubs hatte Bertelsmann-Finanzvorstand Thomas Rabe erklärt, dies bedeute nicht den Abschied aus den USA. In Unternehmenskreisen wird ein Investment in ein wachstumsträchtiges US-Bildungsunternehmen, das beispielsweise private Schulungsprogramme im Internet anbieten könnte, angedeutet.

Ostrowski hatte bei seinem Amtsantritt im vergangenen Dezember angekündigt, den Umsatz des Konzerns von derzeit 19 Milliarden Euro auf 30 Milliarden Euro ausbauen zu wollen und mittelfristig ein organisches Wachstum von vier Prozent anzustreben. Die Trennung von der Musik "sei zum Wohle beider Transaktionspartner", wird Ostrowski am Dienstag in einer Mitteilung zitiert. Das klingt, als habe er nun die Bahn für den Start in die von ihm selbst eingeläutete Wachstumsperiode freigemacht. (Michael Donhauser, dpa) / (Michael Donhauser, dpa) / (vbr)

Anzeige
Anzeige