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Bei Siemens wackelt die Gewinnprognose

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Siemens hat im abgelaufenen Quartal einen riesigen Gewinnsprung geschafft, so viel steht schon fest. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit, denn ein Jahr zuvor hatten Sondereffekte das Ergebnis verhagelt. Jetzt läuft es insgesamt zwar noch rund – aber im Industriegeschäft spürt Europas größter Elektrokonzern zunehmend Gegenwind. Der Vorstand hat das erst im Frühjahr von 6,0 auf 5,2 Milliarden Euro gesenkte Gewinnziel fürs Geschäftsjahr, das am 30. September endet, bereits wieder mit Fragezeichen versehen.

Siemens macht mehr als die Hälfte seines Geschäfts in Europa und Nahost. Eurokrise und Rezession in Südeuropa schlagen also voll ins Kontor. Finanzchef Joe Kaeser hatte die Börse Ende Juni schon mal vorgewarnt: "Leider haben sich unsere kurzzyklischen Geschäfte in den vergangenen acht Wochen deutlich schwächer entwickelt als wir ursprünglich gedacht hatten." – "Kurzzyklische Geschäfte", das sind zum Beispiel Elektromotoren und Steuerungsanlagen für die Industrie. Mit Antriebs- und Automatisierungstechnik macht Siemens ein Drittel seines Gewinns. Analysten wie Karsten Oblinger von der DZ-Bank erwarten, dass das Ergebnis im Industriegeschäft im abgelaufenen Quartal gesunken ist.

In den USA lief es für Siemens schon länger wieder gut, und in China sorgten unter anderem Aufträge aus der Autoindustrie für Wachstum. Aber Kaeser sagte jetzt auch "ein sehr schwaches China für den Rest des Geschäftsjahres 2012" voraus. Der Weg zu den Jahreszielen sei nicht mehr nur holprig, er sei "steinig" geworden. Wenn Konzernchef Peter Löscher am kommenden Donnerstag, dem 26. Juli, die Quartalszahlen präsentiert, erwarten Oblinger und andere Analysten zwar keine weitere Gewinnwarnung, aber doch einen vorsichtigen Unterton.

Die BorWin2, eine 800 Megawatt-Anlage zur Hochspannungs-Gleichstromübertragung (HGÜ), in der Werft von Nordic Yards in Warnemünde

(Bild: © Nordic Yards)

Die nach Umsatz- und Gewinnanteil stärkste Säule des Siemens-Konzerns, das Geschäft mit Kraftwerken und Energienetzen, dürfte im Gegensatz zum Industriegeschäft zugelegt haben. Mit Spannung wird erwartet, ob Löscher diesen Sektor mit einer großen Übernahme verstärkt. Die italienische Zeitung Il Sore 24 Ore hatte kürzlich berichtet, Siemens wolle für 1,3 Milliarden Euro die Mehrheit des italienischen Gaskraftwerk-Hersteller Ansaldo Energia übernehmen. Berenberg-Bank-Analyst William Mackie sieht auf diesem Gebiet rosige Aussichten: "Als einer der Weltmarktführer für Energieerzeugung und -Übertragung ist der Sektor ideal aufgestellt, um mittelfristig ein Hauptgewinner des Strukturwandels zu Gaskraftwerken und der weiterhin lebhaften Nachfrage nach elektrischer Übertragungsausrüstung zu werden."

Für den Konzern rechnen Analysten mit einem kräftigen Auftragsrückgang auf etwa 20 Milliarden Euro im abgelaufenen Quartal. Dank des noch dicken Auftragspolsters dürfte der Umsatz dennoch leicht auf rund 19 Milliarden Euro gestiegen sein. Der Gewinn wird in der Größenordnung von 1,4 Milliarden erwartet – ein gigantischer Zuwachs nach lediglich 500 Millionen Euro im Vorjahresquartal. Allerdings hatten damals eine Strafzahlung an den vormaligen Atomkraftwerks-Partner Areva und Abschreibungen in der Medizintechnik den Quartalsgewinn mit 1,1 Milliarden Euro belastet.

Jetzt erwarten die Analysten keine großen Sonderlasten. Das ewige Sorgenkind Nokia Siemens Networks (NSN) schreibt wenigstens operativ schwarze Zahlen. Für den Stellenabbau bei NSN, in den Trafowerken von Siemens und andere Konzernumbauten kalkuliert Oblinger mit rund 200 Millionen Euro.

Eine Frage wird sein, ob die Probleme bei der Anbindung von Nordsee-Windparks ans Stromnetz jetzt im Griff sind. Da der Aufbau von Fernleitungen von Nord- nach Süddeutschland dem Zeitplan hinterherhinkt, winken Siemens und Co. für die nähere Zukunft entsprechend große Aufträge. Sie hatten im April Siemens zur Senkung der Gewinnprognose gezwungen. Auch der Börsengang von Osram ist weiterhin offen. Schon 2011 geplant und wegen der Finanzmarktturbulenzen verschoben, soll er eigentlich dieses Jahr über die Bühne gehen. Aber Kaeser hat schon gesagt, die Siemens-Aktionäre könnten nächstes Jahr vielleicht Anteile an der Lichttochter erhalten – statt einer Dividende. (ssu)