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Bericht über vermurkste Anthem-Entwicklung: Ein trauriges Bild von Bioware

Es geht um Stress, Unentschlossenheit und deprimierte Entwickler: Ein Bericht von Jason Schreier erklärt, warum der Bioware-Shooter Anthem floppte.

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(Bild: EA)

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Ein auf Kotaku veröffentlichter Bericht des Spiele-Journalisten Jason Schreier gibt Einblicke in den misslungenen Entwicklungsprozess des Online-Shooters Anthem. Demnach wurde die Ausrichtung von Anthem immer wieder verändert – selbst Bioware-Mitarbeiter hätten lange nicht gewusst, was Anthem eigentlich für ein Spiel werden sollte. Schreier, der als sehr gut informierter Branchen-Insider gilt, hat für seinen Report mit zahlreichen Bioware-Mitarbeitern gesprochen, die an der Anthem-Entwicklung beteiligt waren.

Laut diesen anonymen Bioware-Angestellten waren die Arbeitsbedingungen an Anthem so anstrengend, dass viele Entwickler von Ärzten aufgrund von Stress krankgeschrieben wurden, teilweise über Monate. Einer der Mitarbeiter erzählte Schreier, er habe sich häufiger in einen ruhigen Raum zurückgezogen, um einfach zu weinen. "Depression und Besorgnis sind bei Bioware eine Epidemie", zitiert Schreier den Bioware-Entwickler.

Im Report beschreibt Schreier, wie es so weit kommen konnte. Problematisch sei vor allem die fehlende Richtung gewesen: Niemand wusste so genau, was aus Anthem werden solle. Frühe Konzepte eines Survival-Spiels haben nichts mehr mit dem nun veröffentlichten Loot-Shooter zu tun. Diese Unentschlossenheit sei durch ständige Wechsel an der Führungsspitze verschlimmert worden.

Mit neuen Führungspersonen kamen neue Ideen, andere wurden verworfen. "Das Kernproblem war, dass eine Vision fehlte", sagte ein Bioware-Mitarbeiter zu Schreier. Obwohl Anthem fast sieben Jahre in Entwicklung war, konnte laut Schreier an wichtigen Elementen wie Gameplay, Geschichte und Missionen erst in den letzten 12 bis 16 Monaten gearbeitet werden, weil sich die Pläne so oft änderten.

Anthem im Test (5 Bilder)

Die Spieler können nur die Ausstattung ihres Javelins verbessern. Einen Skilltree für den Charakter gibt es nicht.
(Bild: heise online)

Eine besonders bizarre Anekdote: Die Flug-Fähigkeit wurde im Entwicklungsprozess häufiger entfernt und wieder eingebaut. Nachdem EA-Manager Patrick Söderlund eine frühere Demo von Anthem intern kritisiert hatte, bastelten die Entwickler eine neue Demo nur für ihn: Sie sollte nicht nur extrem gut aussehen, sondern brauchte auch ein neues Gameplay-Element, um den kritischen Söderlund zu überzeugen.

Man habe dann spontan den Flugmodus wieder eingebaut, verriet ein Entwickler im Gespräch mit Schreier. Diese zu großen Teilen gefälschte Demo entspricht laut Schreier größtenteils dem ersten Gameplay-Trailer, der Spiele-Fans auf der E3 2017 gezeigt wurde. Es soll auch für viele Bioware-Mitarbeiter der erste Moment gewesen sein, in dem sie wussten, wie Anthem letztendlich aussehen könnte.

Weitere Probleme bei der Entwicklung seien außerdem durch die Frostbite-Engine aufgetreten. EAs Haus-Engine wurde von DICE entwickelt, ist bei EA-Studios aber unbeliebt. Der Engine fehlen die einfachen Tools, die andere Engines anbieten. Viele Ideen der Entwickler konnten mit Frostbite nicht umgesetzt werden, beschreiben Bioware-Mitarbeiter in dem Report.

Außerdem sei es zu Konflikten zwischen den verschiedenen Bioware-Studios gekommen, die an dem Projekt beteiligt waren. Das Hauptstudio in Edmonton habe nicht auf die Hinweise aus Austin gehört, erzählt ein Mitarbeiter – obwohl das Studio in Austin im Gegensatz zu Edmonton mit Star Wars: The Old Republic bereits Erfahrung im Design von Online-Spielen gesammelt hatte.

Bioware hatte lange einen hervorragenden Ruf. Das Studio hat unter anderem Baldur's Gate, Knights of the Old Republic und die Mass-Effect-.Reihe auf die Beine gestellt. Nach zwei Flops ist dieses Ansehen nun in Gefahr: Schon vor Anthem wurde Mass Effect Andromeda von Kritikern und Spielern zerrissen. Derzeit arbeitet das Studio unter anderem an Dragon Age 4, berichtet Schreier.

Das zu EA gehörige Studio Bioware hat in einem Statement auf den Artikel von Schreier reagiert. Die Vorwürfe werden dabei nicht dementiert. "Wir haben die Kritik, die in dem Artikel geäußert wurde, vernommen, und wir schauen sie uns genauso wie unser internes Feedback an", schreibt Bioware. Crunchtime ist in der Spielebranche ein verbreitetes Phänomen, zuletzt war Red Dead Redemption 2 wegen zu langer Arbeitswochen in der Kritik gestanden.

Im Statement schreibt Bioware weiterhin: "Spiele zu entwickeln, besonders mit einer neuen Marke, wird immer eine der größten Herausforderungen im Entertainment-Bereich sein. Wir tun alles, diesen Prozess so gesund und stressfrei wie möglich zu gestalten, wissen aber auch, dass es noch Luft nach oben gibt." Bioware wollte Schreier zuvor keine Stellungnahme zu seinem Artikel geben.

Auch heise online war im Test zu Anthem kritisch: "Müssen wir uns um Bioware sorgen machen? Schon Mass Effect: Andromeda kam in einem desaströsen technischen und spielerischen Zustand auf den Markt. Anthem hat ähnliche Probleme, die Release-Fassung bestätigt die schlechten Eindrücke aus der Demo: Es fehlt an Inhalten, Abwechslung und einem überzeugenden Spielprinzip."

Gegen Ende des Entwicklungsprozesses habe sich Anthem zwar rapide verbessert, sagt ein Bioware-Mitarbeiter gegenüber Schreier. Anthem musste demnach allerdings noch im Fiskaljahr von EA erscheinen, das im März 2019 endete. "Am Ende hatten wir einfach nicht genug Zeit." (dahe)