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Berichte: Iran kappt sichere Internet-Verbindungen

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Seit Donnerstag werden im Iran verschlüsselte Internetverbindungen systematisch gestört. Damit funktionieren zahlreiche Dienste von E-Mail bis zum Online-Banking nicht mehr, zumindest wenn die Server außerhalb der islamischen Republik stehen. Die vorliegenden Berichte sind sich im Detail uneins. Dies könnte auf uneinheitliche staatliche Störmaßnahmen zurückzuführen sein, die koordinierte Gegenmaßnahmen erschweren. Das Anonymisierungsnetz Tor will nicht klein beigeben und sucht Freiwillige, die neuartige "verschleierte Tor-Brücken" (obfsproxy) installieren. Das neue System ist aber noch nicht ausgereift und bringt im Wettrüsten mit den Zensoren vielleicht nur einige Tage Vorsprung.

Eine wichtige Rolle spielt offenbar der zentrale staatliche Proxy AS12880. Er unterbricht bestimmte Datenverbindungen. Zwar gibt es schon seit einem Jahr immer wieder technische Zensurmaßnahmen. So heftig wie jetzt sollen sie aber noch nie gewesen sein. Tor verzeichnete bisher die meisten Zugriffe aus den USA, gefolgt vom Iran und Deutschland.

Nach bisherigen Berichten kommt am AS12880 ein Mix aus Zensurmaßnahmen zum Einsatz: Er blockiert bestimmte Kombinationen aus IP-Adresse und Port. Mit Deep Packet Inspection erkennt und unterbindet der Proxy Versuche, eine verschlüsselte internationale Verbindung aufzubauen. Darüber hinaus werden unverschlüsselte Verbindungen nach bestimmten Begriffen durchsucht. Im Iran soll beispielsweise niemand nach Informationen zu Tor suchen können.

Unverschlüsselte Inhalte dürften außerdem ge- und verfälscht werden, was weniger auffallend ist. Das Arsenal der Kontrolleure reicht bis zum Einsatz gefälschter SSL-Zertifikate. Iranische Betreiber von Internet-Cafés sind gezwungen, ihre Kunden mit Überwachungskameras zu filmen. Mit diesen Videos wollen die Behörden Internet-User leichter identifizieren können.

Die Situation ist geprägt von jahrelang gestreuten Falschinformationen. So werden unliebsame Bürger in Fallen gelockt, Angst geschürt und ein Klima grundsätzlichen Misstrauens geschaffen. Auch von Plänen, ein nationales, abgeschottetes Intranet einzuführen, ist immer wieder die Rede. Am heutigen Samstag begeht der Iran den 33. Jahrestag der Islamischen Revolution.

Persische Internet-Anwender haben aber nicht nur mit heimischen Zensoren, sondern auch mit westlichen Hürden zu kämpfen. Als Teil der US-Exportbeschränkungen sind Zugriffe auf Webseiten wie SourceForge und Google Code mit iranischen IP-Adressen unterbunden.

Die deutsche Bundesregierung gab im Dezember an, keinen Handlungsbedarf zu einer Untersuchung des Exports von Überwachungstechnik zu sehen. Bestimmungen und staatliche Aufsicht sind lax. Beantragt und erhält ein Anbieter eine Exportgenehmigung, kann er vom deutschen Wirtschaftsministerium sogar eine Bürgschaft bekommen. Dann springt Deutschland ein, wenn der Besteller der Zensurprodukte die Rechnung nicht bezahlt.

Reporter ohne Grenzen führt sowohl den Iran als auch Saudi-Arabien auf der Liste der "Feinde des Internet", zusammen mit Burma, China, Kuba, Nordkorea, Syrien, Turkmenistan, Usbekistan und Vietnam. (un)

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