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Berlin-Südkreuz: Bundespolizei sucht per Videoüberwachung nach "untypischen" Situationen

Das zweite Teilprojekt des "Tests intelligenter Videoanalyse-Technik" durch die Deutsche Bahn und die Bundespolizei startet in Berlin.

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Kameras und Warnschilder für den ersten Teil des Testbriebs für automatische Videoanalyse am Bahnhof Berlin-Südkreuz

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Die Deutsche Bahn (DB) und die Bundespolizei erproben seit Dienstag am Berliner Bahnhof Südkreuz das automatisierte Erkennen bestimmter Situationen, "die die Qualität, Zuverlässigkeit und Sicherheit des Bahnbetriebs beeinträchtigen können". Nach dem besonders umstrittenen Pilotbetrieb der automatisierten biometrischen Gesichtserkennung handelt es sich dabei um den zweiten Teil eines "Tests intelligenter Videoanalyse-Technik", der bis Ende des Jahres dauern soll.

Zentrales Ziel der DB ist es dabei, "die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit des Bahnbetriebs zu steigern und Beeinträchtigungen zu Lasten der Reisenden und Bahnhofsbesucher zu reduzieren". Für die Bundespolizei steht nach deren Angaben "die effektivere Gefahrenabwehr auf dem Gebiet der Bahnanlagen" des Bundes und die "daraus resultierenden möglichen Sicherheitsgewinne im Vordergrund".

Während der nächsten Monate sollen vor Ort verschiedene Szenarien an zwei Tagen pro Woche zu unterschiedlichen Zeiten und je nach Testfortschritt an unterschiedlichen Stellen durchgespielt werden. Dafür "durchlaufen Darsteller den Testbereich nach einer Art Drehbuch", heißt es bei den beiden Partnern. Im Anschluss werde geprüft, ob die Systeme die jeweiligen, potenziell gefährlichen oder störenden Situationen erkannt haben. Die Beteiligten hoffen, dass die Technik in einem späteren Praxiseinsatz Bahnmitarbeitern und Beamten der Bundespolizei helfen könnte, "schneller zu reagieren, Hilfe zu leisten oder Situationen aufzuklären".

Erkennen soll die Software anhand von Aufnahmen aus den rund 80 bereits auf dem Gelände installierten Kameras zur Videoüberwachung etwa auf dem Boden liegende Personen, die eventuell medizinische Hilfe benötigen. In den Blick nehmen wollen die Macher zudem Personenströme, Ansammlungen von Menschenmengen oder "schnelle Bewegungen von Personengruppen", wobei Leute auch gezählt werden.

Die Systeme sollen fähig sein, über einen längeren Zeitraum herrenlos am gleichen Ort befindliche Gegenstände auszumachen. Nicht zuletzt geht es darum, das Betreten definierter Bereiche wie für Schließfächer zu überwachen und den Objektschutz etwa von Baustellen zu verbessern. Vorgesehen ist, die Videodaten der zuvor genannten Szenarien zu speichern und auszuwerten Ausschließlich die Bundespolizei soll dabei auch die Möglichkeit erhalten zu untersuchen, "wie Gefahrensituationen entstanden sind".

Bei der Auswahl der Testszenarien hat sich die DB nach ihrer Aussage "an typischen Situationen im Bahnhof orientiert, die in der Vergangenheit zu Verzögerungen und Qualitätseinschränkungen im Bahnbetrieb oder zu polizeilichen Einsätzen geführt haben". Die Technik soll dabei ungewöhnliche Szenen erkennen und automatisch auf die Bildschirme der Leitstelle der DB und der Bundespolizei bringen.

Der Test findet parallel zum Realbetrieb statt. Die temporären Bereiche dafür im Bahnhof sollen jeweils aktuell durch auffällige blaue Bodenmarkierungen gekennzeichnet werden. Alle Einrichtungen des Geländes seien auch ohne Betreten dieser Flächen erreichbar, versichert die DB. Für das Vorhaben sei ein "umfassendes Datenschutzkonzept" entwickelt worden. Dieses sehe auch "Speicher- und Löschfristen, Anforderungen an die Daten- und IT-Sicherheit sowie die umfassende Information der Öffentlichkeit" vor. Die Datenschutzbehörden des Landes Berlin und des Bundes seien beide vorab eingebunden worden.

Anders als beim ersten Teil des Projekts, den Datenschützer scharf kritisiert hatten, findet diesmal keine Gesichtserkennung statt. Personen dürfen nicht identifiziert, Profile nicht gebildet werden. Die Analysesoftware stellen diesmal IBM, ein Konsortium aus Hitachi, Conef und MIG sowie die Firmen Funkwerk Video Systeme und G2K Group. Die US-Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU) hat gerade Alarm geschlagen, dass die auch die erprobten Analysetechniken mittelfristig zu einer automatisierten Rundum-Überwachung mithilfe Künstlicher Intelligenz führen könnten. (jk)