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Berlin Südkreuz: Kameras sollen nun ungewöhnliche Situationen erfassen

Am Berliner Bahnhof Südkreuz beginnt demnächst ein neuer Probelauf zur Videoüberwachung, die Bahn will ungewöhnliche Situationen automatisch erfassen.

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Automatische Gesichtserkennung am Berliner Südkreuz: Erste Ergebnisse vorgestellt

(Bild: dpa)

Der umstrittene Versuch zur automatischen Gesichtserkennung durch Kameras und Computer am Berliner Bahnhof Südkreuz läuft in Kürze aus. Die Auswertung der Kamerabilder ist damit aber noch nicht zu Ende. Voraussichtlich Ende September beginnt ein zweiter Versuch, bei dem Computerprogramme gefilmte Situationen und Gegenstände analysieren. Damit will die Bahn feststellen, wie gut die Programme seltene oder gefährliche Abweichungen von der Normalität im Bahnhof erkennen können.

Seit August 2017 durchforsteten mehrere Programme die Bilder von 3 der 74 Kameras im Umsteigebahnhof Südkreuz. Die Computer haben die Gesichter von etwa 300 freiwilligen Testpersonen gespeichert und sollen erkennen, wenn diese Menschen im Bahnhof auftauchen.

Ex-Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sprach im Dezember bei einer ersten Bilanz von einer Erkennungsquote von 70 bis 85 Prozent. Die Zwischenergebnisse "versprechen einen erheblichen Mehrwert für die Fahndung nach Terroristen und Schwerverbrechern", sagte er. Die Videoüberwachung könne flächendeckend an Bahnhöfen und Flughäfen genutzt werden. Der ursprünglich für sechs Monate geplante Versuch wurde auf zwölf Monate verlängert.

Datenschützer kritisierten die automatisierte Gesichtserkennung scharf. Durch die Technik würden die Persönlichkeitsrechte von Menschen verletzt und der Überwachungsstaat weite sich aus. Wann und in welcher Form die Ergebnisse des einjährigen Projekts veröffentlicht werden sollen, steht laut dem Bundesinnenministerium noch nicht fest.

Nun will die Bahn ihre Kameras für einen eigenen Test der modernen Analysetechnik nutzen. Es geht um vier kritische oder aus Sicht der Bahn ungewöhnliche Situationen. Die Computer sollen diese Situationen erkennen, die Bilder der entsprechenden Kamera in der Zentrale gesondert anschalten und dort Alarm schlagen:

  • Gesperrte Bahnhofsbereiche – also etwa die Gleise oder der Eingang zu einem Tunnel – werden im Computer definiert. Betritt ein Mensch diese Zone, erkennt und meldet die Software das.
  • Liegt ein Mensch waagerecht statt zu stehen, soll der Computer ebenfalls reagieren. Damit will die Bahn erkennen, wenn jemand gestürzt oder zusammengebrochen ist, niedergeschlagen wurde oder auch nur betrunken einschläft.
  • Registriert werden soll auch ein Gegenstand, der in den Bahnhof getragen und dann dort für einen bestimmten Zeitraum allein stehengelassen wird. Dabei geht es um verdächtige oder auch nur vergessene Taschen oder Koffer.
  • Das Verhalten einer Gruppe aus Menschen soll ebenfalls von den Computern analysiert werden. Läuft eine Menschenmasse schnell auseinander oder strömen Menschen schnell zu einer bestimmten Stelle zusammen, kann das ein Hinweis auf eine Explosion, eine Schlägerei oder einen Unfall sein. Die Programme sollen das erkennen und melden, damit die Bahn eingreifen kann.

Die Technik erleichtere die Arbeit der eigenen Leute und der Polizisten, meint die Bahn. "Sie sind schneller und genauer am Einsatzort", sagte ein Sprecher. "Die Software weist so auch auf Dinge hin, die wir sonst vielleicht gar nicht erkennen würden. Das ist gut für die Sicherheit der Bahn und ihrer Kunden."

Die beteiligten Firmen seien noch nicht ausgewählt, sagte der Bahnsprecher. Mindestens ein halbes Jahr wolle man den Versuch laufen lassen, um zu sehen, ob die Computer die vier Szenarien zuverlässig erkennen könnten. Wie viele Kameras ausgewertet würden, stehe noch nicht fest. Weder Filme noch sonstige Daten oder Personen würden dabei gespeichert, sagte der Sprecher.

Das Thema Videoüberwachung und das Geschäft mit der Analyse und Auswertung der Bilder sind nach Einschätzung von Sicherheitsexperten aktueller denn je. Allein die Bahn hat in ganz Deutschland in etwa 900 ihrer Bahnhöfe insgesamt 6000 Kameras installiert. Auch in S-Bahnen sollen künftig Kameras eingebaut werden. Dazu kommen in einer Großstadt wie Berlin tausende Kameras in U-Bahnhöfen, U-Bahnen und Bussen. An öffentlichen Orten mit viel Kriminalität will der Berliner Innensenator Kameras fest aufstellen.

Weil diese zahllosen Bilder nicht live von Wachleuten oder Polizisten beobachtet werden können, setzen die Verkehrsfirmen und Sicherheitsbehörden auf die Computertechnik. Schlagen die Überwachungssysteme automatisch Alarm, wenn es eine Schlägerei, einen Überfall mit flüchtenden Tätern oder ein verdächtiges Paket gibt, könne man viel gezielter eingreifen – so die Vorstellung.

Ihre Hoffnung setzen die Experten dabei auch auf das Thema künstliche Intelligenz. Die Computerprogramme sollen also lernfähig sein, so dass ihre Analysen im Lauf der Zeit immer präziser werden. Die Datenschutzbeauftragten der Länder sind zum Teil alarmiert und warnen vor flächendeckender Überwachung. (Andreas Rabenstein, dpa) / (bme)

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