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Berliner IT-Branche drängt auf offene Systeme

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Der Berliner IT-Verband SIBB wirft dem Senat in der Hauptstadt vor, mit seiner IT-Strategie und der damit verknüpften Zurückhaltung gegenüber Open Source die "Computer-Steinzeit" zu zementieren und Arbeitsplätze in der Region zu gefährden. "Die regionalen Unternehmen stehen Gewehr bei Fuß zur Einführung offener Systeme in der Berliner Verwaltung", erklärte heute der Vorsitzende der Vereinigung der Software-, Informations- und Kommunikations-Industrie in Berlin und Brandenburg, Ortwin Wohlrab. Erfolgreiche Projekte mit freier Software im Bundestag oder im Auswärtigen Amt seien schließlich nicht umsonst von Berliner Unternehmen umgesetzt worden. Der Senat dürfe die anstehende Modernisierung der IT-Landschaft nicht mit "wenigen großen" internationalen Herstellern durchführen, ergänzte der stellvertretende SIBB-Vorsitzende, Bernd Völcker. Dies käme einem "Ausverkauf der Berliner EDV-Kompetenz" gleich.

Stein des Anstoßes: Trotz der vom Berliner Abgeordnetenhaus geforderten Umrüstung der IT-Landschaft der Hauptstadt einschließlich der rund 58.000 in der Hauptverwaltung verwendeten Arbeitsplatzrechner auf Linux und Open-Source-Programme zeigt sich der Senat weiter skeptisch gegenüber einer konsequenten Migration hin auf freie Software. Er hält den Parlamentariern den eigenen, hauptsächlich auf aktuelle Wirtschaftlichkeitsaspekte ausgerichteten "Open Systems"-Ansatz heterogener Rechnerwelten entgegen.

Der SIBB hat die EDV-Verantwortlichen in Berlin nun aufgefordert, die jährlich veranschlagten rund 100 Millionen Euro für IT-Investitionen gezielt in der Region auszugeben. Mit dem geplanten Einkauf neuer PCs bei einer Reihe globaler Computerkonzerne und einem fehlenden Konzept für die Desktop-Software riskiere das Land "unkalkulierbare Lizenzkosten, regionale EDV-Arbeitsplätze und eine Herstellerabhängigkeit über Jahre hinaus."

Vor allem mit der Festlegung auf herstellerabhänige Desktop-Anwendungen verspiele Berlin die Chance, "erhebliche Lizenzkosten einzusparen", heißt es beim SIBB. In der Folge fehle dem Land das Geld, individuell angepasste EDV-Systeme anzuschaffen, dezentrale Vor-Ort-Services zu nutzen und die Computerlandschaft der Berliner Verwaltung auf dem aktuellen Stand zu halten. Mit flexiblen Computer-Lösungen gewinne das Land dagegen "unter Einbeziehung aller Möglichkeiten" die Freiheit, die Verwaltung sachgerecht zu modernisieren. Dabei kann nach Ansicht des Verbandes der Einsatz von Linux und Open Source eine bedeutende Rolle spielen. Die Berliner Grünen hatten zuvor bereits moniert, dass neu angeschaffte Hardware in der Verwaltung momentan für die bisher lizenzierte Microsoft-Software Windows NT 4.0 "downgegradet" werden müsse.

Der zuständige Abteilungsleiter in der Senatsinnenverwaltung, Udo Rienaß, versteht dagegen die Aufregung nicht. Alles, was neu angeschafft werde, müsse offene Standards haben, sagte er der Berliner Morgenpost. 12 bis 14 Prozent der Bürokommunikation seien unter anderem bereits Open-Source-fähig. Natürlich wolle man auch den Mittelstand beteiligen. Aber der Senat komme nicht am Vergaberecht vorbei. Dieses schreibe vor, dem günstigsten Anbieter den Zuschlag zu geben, zog sich Rienaß auf die bekannte Senatslinie zurück. Erkenntnisse aus der Debatte um die Münchner Linux-Migration, wo die Stadtverwaltung auch langfristige Einsparpotenziale und strategische Vorteile bei ihrem Beschluss zur Umrüstung der IT-Verwaltungswelt berücksichtigte, hat sich die Berliner Verwaltung so nach wie vor nicht zu Eigen gemacht. Laut den Linux-Pionieren in der bayerischen Landeshauptstadt stellt das Vergaberecht letztlich keine entscheidende Hürde für einen klaren Kurs in Richtung freie Software dar. (Stefan Krempl) / (anw)