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Berliner Senat sperrt sich gegen vollständige Linux-Migration

Die Berliner Senatsverwaltung hat sich gegen eine vollständige Migration der Behördenrechner auf Linux ausgesprochen. Sie stellt sich damit gegen die Aufforderung des Berliner Abgeordnetenhauses, einen Zeitplan zur zweistufigen Umstellung der Server- und Arbeitsplatzcomputer auf Open-Source-Systeme vorzulegen. Die von dem Beschluss angemahnte Migration hin auf freie Software "erscheint dem Senat als nicht marktkonforme, technologisch und insbesondere wirtschaftlich nicht vertretbare Maßnahme", konstatiert der heise online vorliegende Bericht zur Position des Parlaments. In seinen Konsequenzen sei der Beschluss der Abgeordneten auch so "nicht umsetzbar", heißt es in dem vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit und Innensenator Ehrhart Körting (beide SPD) unterzeichneten Papier. Die vollständige Umrüstung widerspreche den Zielen der Berliner IT-Strategie.

Vor einem Jahr hatte die Senatsverwaltung für Inneres eine Umstellung in der Hauptverwaltung von Microsoft-Software auf Open Source grundsätzlich für machbar erklärt. Linux sei mit geringfügig geringeren Betriebskosten als Windows zu betreiben, so die Aussage. Die Lauffähigkeit und die Kosten für die Umstellung der Fachverfahren seien aber als "kritischer Entscheidungsfaktor" anzusehen. Insbesondere der Ansatz einer "reinen Open-Source-Software-Landschaft" bis zum Endgerät erschien der Behörde zweifelhaft. Eine Entweder-oder-Diskussion hielt sie generell für nicht sachgerecht.

In dem neuen Bericht können die Abgeordneten nachlesen, dass die "vollständige Umstellung" der Server- und Arbeitsplatzsoftware auf Linux eine "völlige Abkehr" vom Berliner "Open-Systems-Konzept" darstelle. Gemäß dieser "vom Senat verfolgten und dem Parlament bereits in diversen Berichten dargelegten Strategie" sei die Hauptaufgabe die Einrichtung "offener IT-Architekturen". Erreicht werden soll damit "die für einen wirtschaftlichen IT-Einsatz erforderliche Herstellerunabhängigkeit und Offenheit gegenüber unterschiedlichen Lösungen". Insbesondere will der Senat die Koexistenz "offener" und "herkömmlicher" beziehungsweise "proprietärer" Programme in Form einer "Mischlösung" vorantreiben.

Das Nein zur kompletten Umrüstung versucht der Senat mit dem Verweis auf Probleme bei der Linux-Migration der Stadt München im Rahmen des LiMux-Projekts zu untermauern. Mit der eigentlichen Umstellung sei auch nach vierjähriger Vorbereitung noch nicht begonnen worden, hält der Report fest, ohne auf die Verzögerungen durch die in München heftig geführte Debatte um Softwarepatente hinzuweisen. Besondere Anforderungen würden auch in der bayerischen Landeshauptstadt aus der Umstellung der vorhandenen Fachverfahren erwachsen und daher wieder verstärkt auf "Zwischenlösungen" auf Basis von Terminalimplementierungen und Emulationsprozessen zurückgegriffen. Diese Entwicklung verdeutliche "exemplarisch, welche Risiken mit einer weitgehenden Migration" in Richtung Open Source verbunden seien. Gleichzeitig verweist der Bericht aber darauf, dass es sich in München ebenfalls um eine Mischlösung handle.

Auch der Abschlussbericht des "Open4Future"-Projekts vom Dezember bringt den Senat nicht von seiner Meinung ab. Die Analyse hatte zum Ziel, das in der einer früheren Machbarkeitsstudie empfohlene Szenario einer gemischten Open-Source-Umgebung "unter Einsatz der Terminalserver-Technologie" in einer konkreten bezirklichen Umgebung in Tempelhof-Schöneberg auszuloten. Dabei konnte die technische Umsetzbarkeit einer Lösung mit freier Software, Microsoft-, und Novell-Produkten nachgewiesen werden. Auch die vorhandene "veraltete" Hardwareausstattung war weiter nutzbar. Das Pilotprojekt demonstrierte überdies an IPV, ProFiskal und ProInfo, dass die Migration von Fachverfahren keine unüberwindbare Hürde darstellt. Eine Orientierung an offenen Standards und Normen sei daher künftig die wichtigste Frage bei der Realisierung von IT-Projekten, lautet das Resümee der Studie. "Wenn sich auch ein bisher anders aufgestellter Marktführer so orientiert, bleibt uns nur, von dann an allen Anbietern – bei gleichen Leistungsdaten – den wirtschaftlichsten auszuwählen".

Der Senat verweist dagegen darauf, dass in der gesamten Berliner Verwaltung etwa 390 Fachverfahren eingesetzt würden. Zudem seien "Aufwandsschätzungen und Wirtschaftlichkeitsberechnungen" im Rahmen des "Open4Future"-Projekts nicht berücksichtigt worden. Die Studie könne so nicht als Voraussetzung für landesweite Planungen gelten.

Das Abgeordnetenhaus wird sich am 22. Juni im Ausschuss für Verwaltungsreform und Kommunikations- und Informationstechnik wieder mit der Linux-Migration beschäftigen. Dabei geht es auch um einen Antrag der Grünen zur Umstellung der Server-Betriebssysteme auf Open Source. Aber in der SPD-Fraktion zeigt sich die Basis ebenfalls sehr unzufrieden mit der Stellungnahme des Senats. "Die Schlange windet und windet sich", ist dort zu vernehmen. Nach "einem Vierteljahr Arbeit hoch bezahlter Beamter und zusätzlicher Experten" sei ein "armseliges Papier" herausgekommen.

So werde etwa die Tatsache ignoriert, monieren die sozialdemokratischen Kritiker, dass irgendeine Migration weg von Windows NT4 generell stattfinden müsse. Gleichzeitig falle kein Wort über die Kosten des Hardware-Ersatzes von mindestens einem Drittel aller Berliner Verwaltungscomputer im Fall einer Migration nach Windows XP und des dabei gleichfalls erforderlichen Anwendungstransfers. Es gehe auch im Beschluss der Abgeordneten nicht um eine vom Senat unterstellte "Hau-Ruck-Umstellung", sondern um Vorgaben für unbedingt notwendige Neubeschaffungen und Updates. Eine wirkliche Öffnung der Infrastrukturen sei generell erst über die Jahre hinweg zu erwarten. Der Senatsbericht dürfe daher auf keinen Fall abgenickt werden, um eine "proprietäre Migration" zu verhindern. (Stefan Krempl) / (Stefan Krempl) / (jk)

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