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Berners-Lee: Das Web als Macht des Guten wieder auf die Spur bringen

Web-Erfinder Tim Berners-Lee hat seinen Pakt fürs Netz präsentiert. Alle Gutwilligen müssten rasch handeln, um die digitale Dystopie zu verhindern.

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Tim Berners-Lee (r.) und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier auf dem IGF in Berlin.

(Bild: heise online / Stefan Krempl)

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"Das Web ist an einer entscheidenden Kreuzung", konstatierte der Vater des Webs, Tim Berners-Lee, am Montag zum inoffiziellen Auftakt des Internet Governance Forum (IGF) der UN in Berlin. "Wir müssen jetzt handeln, sonst riskieren wir, in einer digitalen Dystopie zu landen". Der Brite warb für breite Unterstützung für die finale Version seines "Contract for the Web", den er vor einem Jahr auf den Weg gebracht hatte. Dabei handle es sich um "den ersten weltweiten Aktionsplan, um das Web zu schützen, das wir wollen".

Mit dem aus neun Prinzipien bestehenden Gesellschaftsvertrag sollen Regierungen und Unternehmen gemeinsam sicherstellen, dass sich jeder mit dem Internet verbinden kann und es jederzeit auch für alle verfügbar ist. Zudem soll das Recht der Menschen auf Privatsphäre stärker respektiert werden. Alle Unterzeichner verpflichten sich, ihre eigenen Datensammlungen auf das Maß zu beschränken, das "angemessen, relevant und nötig ist", um klar spezifizierte Zwecke im Sinne des öffentlichen Interesses beziehungsweise für andere, legitime Ziele zu erreichen.

Vor 30 Jahren war die gemeinsame Annahme der ersten Webnutzer laut Berners-Lee, einen "positiven Kollaborationsraum" zu erschaffen, der "Grenzen verschwimmen lässt". Tatsächlich habe das Internet "unser Wissen, unsere Kreativität vergrößert in unvorstellbarem Maßstab". Es habe "Stimmen bestärkt, die früher ignoriert wurden", sowie soziale Bewegungen ermächtigt.

Die digitale Kluft bestehe aber weiter, warnte Berners-Lee. Erst die Hälfte der Weltbevölkerung sei online, viele Menschen hätten zudem keine angemessene Verbindung. Mächtige wollten verhindern, dass sich Leute zusammenschließen, und im Gegenzug 30 Jahre auch nach dem Fall der Berliner Mauer neue Blockaden errichten. Firmen und Staaten verbreiteten Desinformation und begünstigten Hass, was die Welt stärker polarisiere und Demokratien untergrabe. Als Beispiel nannte der Berners-Lee Kampagnen gegen Impfungen, die sich online rasend verbreiteten.

Die nun mit einem Umsetzungs- und Zeitplan versehene "Magna Charta" fürs Web soll Berners-Lee zufolge helfen, Hass, staatliches Hacken und Cybercrime durch den Aufbau starker Gemeinschaften zu bekämpfen. Sie richte sich explizit auch "gegen Geschäftsmodelle, die Desinformation verbreiten helfen". Es gelte, "die negativen Designfehler" des frühen Webs auszubügeln und Normen gegen die Polarisierung festzulegen, "damit die Online-Welt wahrhaft der Menschheit dient".

Berners-Lee glaubt weiter an die Macht des Internet, durch Kollaboration wissenschaftliche Durchbrüche beim Klimaschutz und gegen den Abbau der Demokratie zu finden. Eine solche positive Vision sei entscheidend, "um das Web als Macht des Guten wieder auf die Spur zu bringen". Er rief die gesamte Online-Gemeinschaft auf, "sich dem Kampf für das Web anzuschließen". Neben staatlichen Vorschriften und Standards für die Selbstregulierung sei es etwa wichtig, dass Entwickler Plattformen für die Demokratie und die gesellschaftliche Debatte aufbauten. Konkret plädierte er für "Privacy und Security by Design". Die Technik müsse sich an den Menschenrechten orientieren.

"Wir müssen alle unseren Teil beitragen, wir müssen jetzt handeln", betonte Berners-Lee und setzte parallel einen Tweet an alle künftigen Unterstützer des Vertrags ab. Jeder Einzelne sollte etwa "erst einmal nachdenken", bevor er etwas poste.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hatte den Gesellschaftsvertrag am Vormittag bereits gelobt. Das Internet und das Web seien mehr als eine technische Evolution, nämlich vielleicht "die größte Erfindung der Menschheit" bisher und damit auch bedeutsamer als etwa das Rad, unterstrich der CDU-Politiker nun.

Eine erste Skizze dafür hatte Berners-Lee bereits auf dem Web Summit 2018 in Lissabon vorgestellt. Diese Grundlage sollte ursprünglich schon bis Mai 2019 zu einem echten Vertrag ausgearbeitet werden. Das Bundeskabinett hatte sich Ende November 2018 verpflichtet, die vorläufigen Prinzipien des Pakts für das Web in Deutschland einhalten zu wollen. Zuletzt hatte Digitalstaatsministerin Dorothee Bär (CSU) eingewandt, dass die Umsetzung der Inhalte des Vertrags kaum kontrollierbar sei und sich die Zusammenarbeit zwischen Regierungen und IT-Konzernen schwierig gestalte. (anw)