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Bertelsmann druckt Wikipedia

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Die deutschsprachige Wikipedia erscheint als Print-Lexikon. Im September will die Bertelsmann-Tochter Wissen Media das "Wikipedia-Lexikon in einem Band" herausbringen. Auf den knapp tausend Seiten wird allerdings weniger als ein Prozent der Wikipedia-Texte Platz finden: Ein einbändiges Lexikon kann nur einen kleinen Ausschnitt der deutschsprachigen Wikipedia abbilden, die derzeit fast 740.000 Artikel umfasst. Neben der Konzentration auf die meistgefragten Stichworte wird auch der Umfang der Artikel stark beschränkt: Die Einträge bestehen im Wesentlichen aus den Kurzdefinitionen, die am Anfang der Wikipedia-Artikel stehen. Pro Stichwort bleibt nur Platz für wenige Sätze mit den wichtigsten Informationen.

Der Wissen Media Verlag nennt das Projekt ein "lexikalisches Jahrbuch", da die Themenauswahl deutlich aktueller ist als die klassischer Lexika. Grundlage für die Stichwortauswahl des neuen Lexikons sind die Abrufstatistiken der Wikipedia. Mathias Schindler, Mitglied des Vorstands von Wikimedia Deutschland, hatte aufgrund der Statistiken der Jahre 2007 und 2008 die am häufigsten nachgefragten Artikel ermittelt. Aus diesen Ergebnissen erstellte er eine Liste von 50.000 Suchwörtern, die die Grundlage für das neue Lexikon sein werden. "Diese Auswahl ist in sich schon spektakulär respektive unique und unterscheidet sich grundsätzlich von dem, was klassische Lexika als Stichwortauswahl normalerweise präsentieren", erklärt Verlagsleiterin Beate Varnhorn. So werden die Leser in dem neuen Lexikon sowohl über die US-Serie Dr. House informiert werden, als auch einen Artikel zur Porno-Darstellerin Gina Wild finden.

Das Bertelsmann-Lexikon ist nicht der erste Versuch, eine Print-Ausgabe der freien Online-Enzyklopädie auf den Markt zu bringen. So kündigte der Verlag Directmedia bereits vor zwei Jahren eine Druckfassung der Wikipedia an. Das Mammut-Werk sollte in 100 Bänden mit insgesamt 80.000 Seiten erscheinen. Das Großprojekt blieb jedoch in der Planungsphase stecken. Auch eine Taschenbuch-Reihe mit Wikipedia-Inhalten war wegen des großen Nachbearbeitungsaufwands der Artikel eingestellt worden.

Wissen Media ist sich jedoch sicher, mit seinem Projekt mehr Erfolg zu haben. So seien die Wikipedia-Artikel heute nach lexikographischen Gesichtspunkten sehr zuverlässig, erklärt eine Verlagssprecherin im Gespräch mit heise online und verweist auf Vergleichstests, in denen Wikipedia der klassischen Konkurrenz Paroli bieten konnte. Die Zusammenstellung der Artikel wird von der normalen Projektredaktion des Unternehmens übernommen, etwaige Änderungen sollen wieder an die Wikipedia-Community zurückfließen. Auch der Verkaufspreis steht bereits fest: Im Handel soll der Einbänder knapp 20 Euro kosten – davon geht ein Euro an den Verein Wikimedia Deutschland. Aufgrund der Lizenzbestimmungen der Wikipedia muss aber auch eine kostenlose Online-Version des Werks zur Verfügung gestellt werden.

Für Wikimedia Deutschland ist das Wikipedia-Lexikon ein wichtiger Meilenstein. "Es wird weltweit das erste gedruckte allgemeine Nachschlagewerk auf Basis von Wikipedia-Inhalten sein", betont Vorstandsmitglied Mathias Schindler. "Wir sind sehr gespannt auf die Resonanz und hoffen, dass damit all jene widerlegt werden, die gedruckte Lexika in Zeiten des Internets schon abgeschrieben haben."

Zu dem gleichen Schluss scheint auch die Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG (Bifab) gekommen zu sein. Der traditionelle Brockhaus-Verlag hatte im Februar eine radikale Kehrtwende verkündet: Statt weiterhin Enzyklopädien zu drucken, sollten die Inhalte der Enzyklopädie in einem werbefinanzierten Online-Portal erscheinen. Doch der für den 15. April angesetzte Projektstart verzögert sich auf unbestimmte Zeit. Im Gespräch mit heise online begründete Brockhaus-Sprecher Klaus Holoch die Verzögerung mit dem unerwarteten Erfolg der Ankündigung. So sei die Nachfrage nach den Print-Enzyklopädien sprunghaft angestiegen, sodass der Verlag über eine Neuauflage der Brockhaus-Enzyklopädie in 30 Bänden nachdenkt. Auch verhandle man noch mit verschiedenen Kooperationpartnern. Wie das Angebot letztlich aussehen werde, konnte Holoch aber auch nach dem geplanten Projektstart allerdings nicht genau beschreiben.

Unterdessen wirbt die Encyclopaedia Britannica um die Beteiligung der Netz-Gemeinde. Der Verlag bietet im neuen Programm WebShare unter anderem Webloggern freien Zugriff auf die sonst kostenpflichtigen Artikelbestände der Traditions-Enzyklopädie. Mehr noch: Die registrierten Webmaster können auch frei auf die Inhalte der Enzyklopädie verlinken. Der Verlag will damit offenbar mehr Traffic auf seinen Seiten generieren, um die Einnahmen durch eingeblendete Werbung zu erhöhen. (Torsten Kleinz) / (Torsten Kleinz) / (jk)

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