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Bessere Bedingungen für Buch-Digitalisierung gefordert

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Vertreter von Bibliotheken und Google sowie Forscher machten sich auf einer Konferenz zur Zukunft des Wissens der den Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung am gestrigen Freitag in Berlin für rasche Regelungen für den Umgang mit sogenannten "verwaisten Werken" stark, deren Urheber nicht mehr auszumachen sind. Die EU müsse hier rasch bestehende rechtliche "Grauzonen" bei der Digitalisierung solcher Werke schließen, betonte die Vorsitzende des Deutschen Bibliotheksverbands, Gabriele Beger. Wie in den USA sollte auch in Europa die klare Bestimmung gelten, dass verwaiste Werke öffentlich zugänglich gemacht werden können. Der Staat reagiere auf diese Belange der Nutzer und der Bibliotheken derzeit nicht und verschlafe so den Einzug in die Online-Welt.

Die Entwicklung ist für Beger unumkehrbar: "Wer seine Bestände nicht digitalisiert, wird vergessen, schafft sich selber ab." Schon heute habe die von ihr geleitete Staatsbibliothek Hamburg im Internet pro Jahr neun Millionen Online-Besucher, während gleichzeitig 1,2 Millionen in die Räumlichkeiten vor Ort kämen. Für die Bibliotheksnutzer dürften derzeit fast nur gemeinfreie, 70 Jahre alte Werke übers Netz ur Verfügung gestellt werden, deren Urheberrecht abgelaufen sei. Generell sei das Recht beim Zugänglichmachen von Wissen "so kompliziert, dass viele Angebote nicht verwirklicht werden". Das einfachere Pauschalmodell der Vergütung über Verwertungsgesellschaften werde zurückgedrängt.

Beger begrüßte daher prinzipiell den ins Stocken geratenen Vergleich zu Google Book Search in den USA, da darüber eine Registrierungs- und Verwertungsstelle für vergriffene und verwaiste Werke geschaffen werde. Bei entsprechenden Nachbesserungen beim Datenschutz und bei der Zugangsfreiheit könne sie sich vorstellen, ein entsprechendes Modell auch für Europa zu übernehmen. Zugleich brach die Bibliothekarin eine Lanze für Veröffentlichung digitaler Werke durch die Urheber selbst gemäß dem "Open Access"-Prinzip, um die Rechteklärung bei der Digitalisierung zu vereinfachen.

Auch Arnd Haller, Justiziar von Google Deutschland, setzte sich dafür ein, hierzulande "die Gesetzgebung zu verwaisten Werken in Angriff zu nehmen". Es spreche vieles für und vieles gegen das angestrebte "Settlement" im Rahmen der Klage von Autoren- und Verlagsverbänden gegen Google Books. Bevor man nachbessern könne, müsse der zuständige Richter in New York aber erst seine "Bauchschmerzen" darlegen. Zudem wirke sich der Vergleich nur wenig auf deutsche Autoren aus, sodass eigene Lösungen auf dem alten Kontinent nötig seien.

Einen Schritt weiter ging Christoph Bruch vom Aktionsbündnis Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft. Er wünschte sich ein eigenes Google-Books-Programm für Wissenschaftler, die ihre Rechte für die elektronische Veröffentlichung noch selbst halten und ihre Werke online zur Verfügung stellen wollen. Dabei wäre es seiner Ansicht nach sinnvoll, entsprechende digitale Bücher oder Zeitschriftenbeiträge unter einer "Creative Commons"-Lizenz zu publizieren, die eine Namensnennung des Autors vorschreibe und das Aufsetzen kommerzieller Modelle verhindere. Das wäre ein "großes Signal für die Zugänglichkeit von Wissen". Der Informationsrechtler Rainer Kuhlen ergänzte, dass eine separate Registrierungsstelle für entsprechende wissenschaftliche Werke aufgebaut werden sollte. Die Autoren könnten darüber Google Rechte zum vollen Anzeigen der Texte geben. Anders als das Settlement wäre dieser Ansatz nicht auf die USA beschränkt.

Andreas Steinhauser vom Berliner Startup txtr, das digitale Lesegeräte vertreibt und eine Plattform für möglichst frei verfügbare Online-Inhalte aufbauen will, machte sich dafür stark, dass Google die eigene technische Lösung zum Scannen von Büchern offen legen und Dritten gegen Bezahlung Nutzungsrechte zugestehen sollte. Das würde "Fair Play" für alle schaffen und die kartellrechtlichen Bedenken gegen Google Books schmälern. Die Geheimhaltungstaktik des Suchmaschinenriesen bei der Buchdigitalisierung bis hin zum Verhängen von Fenstern hat auch bei Peter Glaser das Vertrauen in das Projekt "erschüttert". Der Autor bemängelte, dass Google "Quantität vor Qualität" stelle. Dadurch würden vergleichbare Ansätze mit höheren Ansprüchen wie das Gutenberg-Projekt "marginalisiert". (vbr)