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Betriebskrankenkassen akzeptieren Internet-Apotheke

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Der Streit um den Vertrieb von Medikamenten per Internet bekommt eine ganz neue Dimension, denn nun mischen sich die Krankenkassen in den Streit zwischen klassischen Apothekern und Online-Medizinhändlern ein -- und zwar auf Seiten der Internet-Apotheken. Versicherte von neun niedersächsischen Betriebskrankenkassen (BKK) können ihre Medikamente von sofort an bei der Internet-Apotheke DocMorris beziehen. Die Kassen kündigten an, Direktabrechnungen der niederländischen Apotheke zu akzeptieren. Damit könnten die rund 250.000 Versicherten Vorteile wie gebührenfreie Rezepte und niedrigere Medikamentenpreise nutzen, sagte der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft von Betriebskrankenkassen in Niedersachsen (ABN), Bernd Hillebrandt. Dies biete eine Preisersparnis von bis zu 15 Prozent.

Ein Sprecher des niedersächsischen Sozialministeriums kündigte gegenüber dpa an, das Ministerium als übergeordnete Aufsichtsbehörde werde eine Stellungnahme der Kassen anfordern und die Angelegenheit "aufsichtsrechtlich prüfen". "Nach dem deutschen Arzneimittelrecht ist der Internet-Handel zurzeit nicht gestattet", sagte der Sprecher. Es sei auch nicht zulässig, dass Kassen Vergünstigungen beim Medikamentenkauf anpreisen.

Die beteiligten Kassen wollten der Gesundheitspolitik und dem "dramatischen" Anstieg der Arzneimittelkosten nicht länger tatenlos zusehen, sagte Hillebrandt. Allein die Betriebskrankenkassen müssten in diesem Jahr 1,79 Milliarden Euro mehr für Arzneimittel ausgeben als im Jahr 2000. Der Vorstandsvorsitzende des BKK Landesverbands, Ingo Werner, forderte, den bislang staatlich regulierten Arzneimittelmarkt zu öffnen. Der Versand von Medikamenten sei eine Möglichkeit zu mehr Wirtschaftlichkeit auf dem Markt.

Hillebrandt erklärte, wie in anderen Bundesländern rechne er auch in Niedersachsen mit Klagen von Apothekern. "Uns drohen mit Sicherheit gerichtliche Auseinandersetzungen." Der Rechtsstreit um die Aktivitäten von DocMorris in Deutschland beschäftigt bereits mehrere Landgerichte und den Europäischen Gerichtshof. Auch Betriebskrankenkassen, die DocMorris unterstützen, hätten mit Klagen zu kämpfen, meinte Hillebrandt.

DocMorris startete im Juni 2000 und habe mittlerweile 65 000 Kunden, 75 Prozent davon aus Deutschland, sagte dessen Marketing-Leiter Jens Apermann. Das derzeit für deutsche Kunden eigentlich verbotene Angebot der Internet-Apotheke umfasst nach Angaben von DocMorris rund 2000 teils verschreibungspflichtige, teils rezeptfreie Medikamente. Dazu gehören auch Präparate, die in Deutschland nicht zugelassen sind, wohl aber in den Niederlanden oder anderen europäischen Ländern. Bestellt wird über das Internet, wobei im Falle von verschreibungspflichtigen Medikamenten ein gültiges Rezept an DocMorris übermittelt werden muss. Die Medikamente werden dann von Kurierdiensten ausgeliefert.

Das Angebot von DocMorris war für deutsche Kunden ungewöhnlich preisgünstig, weil die niederländische Apotheke nicht an deutsche Festpreisregelungen für Medikamente gebunden ist. Das bundesdeutsche Gesundheitsministerium überlegt schon seit längerem, die Internet-Apotheken zu legalisieren, wogegen sich die Apothekerverbände heftig wehren. Sie wollen zudem mit dem eigenen Angebot "aponet" dem reinen Online-Vertrieb von Arzneimitteln trotzen. (jk)