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"Beweg dich oder stirb" – Digitaler Darwinismus auf der Cebit

Die Digitalisierung ist für Firmen ein Mammutprojekt. Aber wer sie verpasst, wird untergehen, sind sich Speaker auf der Cebit einig. Die Haie werden sie holen.

"Beweg dich oder stirb" – Digitaler Darwinismus auf der Cebit

Eine klare Ansage.

(Bild: Valerie Lux/heise online)

Die Umstellung von analoge auf digitale Geschäftsprozesse ist für viele Firmen eine anstrengende Jahrhundertaufgabe. Aus diesem Grund widmete die Cebit dieses Mal eine ganze Vortragsreihe dieser digitalen Transformation. Dabei zeigte sich, dass Firmen auf dem Weg in das digitale Zeitalter viel aus der Natur lernen können, insbesondere die Beutestrategie des mordlüsternen Haifischs empfehle sich, meint Buchautor Stefan Engeseth. Der Unternehmensberater präsentierte auf der Cebit sein neues Buch "Sharkonomics". Er empfahl Vorständen, sich die Methode eines Haiangriffs abzuschauen, um alte Marktführer im Wettbewerb zu attackieren.

In einer radikal darwinistisch-ökonomischen Lesart verdeutlichte Engeseth, dass der Hai auf unvorhergesehene Art und Weise tödlich angreife und nur aufgrund dieser Strategie überlebe. Analog zur Geschäftswelt bedeutet dies: Dem Unternehmen, das die digitale Revolution verschläft, werden bald beißfreudige Start-Ups mit digitalen Mitteln das Fürchten lehren. Engeseth – Jeans, blaues Hemd und Glatze – skizzierte das Bild traditioneller Konzerne, die leicht herauszufordern seien, weil diese so glücklich und fett wie Robben am Strand liegen und sich kaum bewegen. Ältere Betriebe vergessen, ihr Geschäftsmodell zu digitalisieren und werden dann einfach durch neue Produkteinführungen vom neuen Marktführer totgebissen.

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"Ein Hai beobachtet die Schwimmmuster seiner Beute im Wasser genau, bevor er angreift", sagte der Schwede. So nutze Apple beispielsweise die Haitaktik: Erst hätten sie die ersten Smartphones von Motorola analysiert, bevor sie ihre eigene bessere Version namens iPhone auf den Markt brachten und zum neuen Marktführer aufstiegen. Beweg dich oder stirb, so lautet das brutale Gesetz auf der Cebit der Digitaltransformation des 21. Jahrhundert.

Die Analogien aus dem Tierreich fanden kein Ende: Unternehmer Patryk Kopik von dem Plattformunternehmen Agorize stellte wie "Sharkonomics"-Autor Engeseth ebenfalls die Theorie des "digitalen Darwinismus" auf. Darwin hatte formuliert, dass Giraffen lange Hälse haben, weil sie durch ihre langhalsige Genmutation am meisten Futter von den Bäumen erhielten und somit den stärkeren Nachwuchs erzeugten. Analog zur Digitalwelt würden nicht die Unternehmen überleben, die momentan noch die höchsten Umsatzzahlen schreiben, sondern die, die sich am Besten an das Futter angepasst hätten, das bald nur noch digital von den Bäumen zu erhalten sei. "Adaption statt Größe lautet das Fazit", so Kopik. Als Beispiel führte er den ehemaligen Kameragiganten Kodak an, der heute ein Nischendasein friste, weil dort verpasst wurde, rechtzeitig statt analogen auch digitale Kameras zu vertreiben.

Ebenfalls rückte er die Strategie der Kooperation aus der Tierwelt in den Vordergrund. Mit der Methode "Open Innovation" würde sich die digitale Transformation besser gestalten lassen, als die aggressive Variante eines Haiangriffs. "Mit der Crowd", so Kopik "lassen sich viele Probleme lösen, an denen Unternehmen Jahre zu knabbern hätten, wenn sie versuchen, die Lösung nur intern zu bewältigen". Seine Plattform verbindet über fünf Millionen Individuen und richtet Hackathons oder Online Challenges für interessierte Laien und Experten aus. Wenn Unternehmen nicht mehr weiter wüssten, wie die digitale Transformation zu gestalten sei, wendeten sie sich an die Plattform und fragen die Öffentlichkeit um Rat. "Früher wurden wir belächelt", sagt Kopik, "doch heute kennt man uns."

Nur noch zwölf Prozent aller Unternehmen, die im Jahr 1955 auf der Fortune 500, der Liste der umsatzstärksten US-Konzernee standen, stehen auch noch heute da, warnte Alexander Rinke vom KI-Start-up Celonis eindringlich. Was sollten Unternehmen nun als erstes tun, um eine digitale Geschäftsstrategie zu entwickeln? Die Antwort aller Speaker auf allen Cebit-Bühnen war durchweg die Gleiche: Alle firmeninternen Routineaufgaben müssen automatisiert werden, ob das nun die Wegrationalisierung der Sekretärin oder der Finanzbuchhaltung heißt. Jeder Arbeitsschritt, der monoton immer wieder den gleichen Inhalt aufweist, kann auch von einem Algorithmus übernommen werden – von der Terminfindung des Meetings bis zur automatischen Rechnungsprüfung.

"Touchless Invoices" wird diese digitale Buchhaltung genannt: Lieferscheine und Rechnungen werden nicht mehr manuell gegengezeichnet, auch bei fehlerhaften Einträgen werden sie den Mitarbeitern nicht mehr vorgelegt. Stattdessen übernehmen Maschinen den Prozess dieser repetitiven Arbeit und kommunizieren und vergleichen ihre Dateneinträge so lange, bis ein Konsens entsteht. Mit dem Outsourcing von Routineaufgaben lassen sich märchenhafte Einsparungen von 10 bis 20 Prozent erzielen, rechnete Rinker ausgehend der Daten seiner Großkunden Siemens und Vodafone vor.

Oft gebe es hunderttausende Variationen, wie ein Geschäftsakt aussehen kann, wenn beispielsweise sich ein Preis verändert hat oder die Unterschrift am falschen Platz gemacht wurde. "Diese Komplexität", so Rinke, "muss reduziert werden." Die eingesparte Zeit durch den Wegfall von Routineaufgaben könne stattdessen für bessere Mitarbeiterkommunikation und Managemententscheidungen eingesetzt werden.

Ralf Waltram von BMW

(Bild: Valerie Lux/heise online)

Vereinfachung, Reduktion, die Simplifizierung von Geschäftsprozessen – der Roboter, der automatisch zum Telefonhörer greift und eine Ladung Stahl für den ausgegangenen Lagervorrat bestellt, ist nicht mehr weit weg. Allerdings wird dann am anderen Ende beim Zulieferer kein Mensch, sondern auch ein Roboter den Hörer abheben. Dass die Digitalisierung der Firma nicht ohne Widerstände der Belegschaft vonstatten geht, liegt dabei auf der Hand. "Das ist manchmal ein Drama", sagte Ralf Waltram, Vizepräsident der IT-Abteilung der BMW Group. Deswegen habe man den Traditionskonzern schon seit dem Jahr 2016 auf 100 Prozent agile Teamarbeit umgestellt. "Wir wollten an Geschwindigkeit gewinnen und die Arbeitsschritte flexibler gestalten". Von Scrum zu Kanban, mittlerweile sind diese hierarchiefreien und teamzentrierten Arbeitsweisen bei dem weltweit profitabelsten Autohersteller angekommen.

BMW positionierte sich dabei eindeutig als angrifflustiger "Hai" in der Definition Engeseths. "Man sollte seine Strategie jedoch nicht kopieren, sondern seinen eigenen Weg finden", gab er den Cebit-Besuchern mit auf den Weg. Der Begriff "Agiles Arbeiten" stehe gemeinhin für einen ehrlichen Umgang mit Fehlern, um sich schneller dem digitalen Zeitalter anzupassen. Agilität als digitale Führungskultur steht demnach auch für "eine höhere Rate an Feedbackschleifen", beendete Vizepräsident Waltram seinen Vortrag. Das die hehren Versprechungen der Agilität mit Ehrlichkeit gegenüber Kunden nicht gleichzusetzen ist, wurde im Februar 2018 bekannt: Da musste das Unternehmen auf Druck des Kraftfahrtbundesamts mehr als 11.000 Fahrzeuge wegen der Fälschung von Abgaswerten zurückrufen. Die Digitalisierung der Arbeitskultur ist eben nicht nur eine technische Aufgabe. (Valerie Lux ) / (mho)

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