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Bewertungsportale: Yelp migriert, Qype schreit

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Bereits vor über einem Jahr hatte das amerikanische Meinungsportal Yelp den deutschen Konkurrenten Qype für satte 50 Millionen Euro übernommen. Wie damals Qype bietet Yelp seinen Nutzern an, Dienstleistungen wie Restaurants, Einzelhandel und Ärzte zu bewerten und zu kommentieren. Diese Infos stehen dann jedermann für lokale Suchanfragen zur Verfügung. Yelp finanziert sich nach eigenem Bekunden über Werbung.

"Qype hat sich Yelp angeschlossen": schlecht fürs Geschäft?

Ende Oktober dieses Jahres wurde Qype nun abgeschaltet. Aktuell führt die Domain zu yelp.de. Nutzerbeiträge und Fotos wurden zu Yelp migriert, andere Qype-Inhalte wie etwa die Check-ins, Guides und Beiträge über virtuelle Orte nicht. Nutzer mussten zudem neue Konten bei Yelp manuell anlegen.

Das allein kann ärgerlich sein und wäre sicherlich zum Teil vermeidbar. Viel schwerer wiegt für die Community und vor allem Geschäftsinhaber, dass sich Gesamt-Bewertungen nun in vielen Fällen quasi von allein - qua Algorithmus – ins Gegenteil gewandelt haben. So berichten nicht nur im Münchner Yelp-Forum etliche Inhaber vom Vertrauensverlust. Bei manchen hat sich die Zahl der Bewertungen auf ein Zehntel drastisch reduziert – durchaus schlecht fürs Geschäft, wenn dieses Zehntel die negativen Meinungen darstellt. Andere sind vom Lokalmatador einer Großstadt in die hohe zweistellige Bedeutungslosigkeit – und eine Handvoll Klicks weiter – gerutscht.

Ursache ist die Art und Weise, wie Yelp feststellt, ob ein Beitrag "echt" ist: Eine automatisierte Filtersoftware bewertet täglich alle Beiträge neu und entscheidet anhand von nicht öffentlich gemachten Indizien über Wohl und Wehe einer Bewertung. In die Entscheidung mit einzufließen scheinen dabei Kriterien wie die Dauer der Zugehörigkeit des Bewerters zu Yelp, sein Freundeskreis und sprachliche Formulierungen. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt übrigens auch das weltweit größte Reise-Bewertungsportal TripAdvisor.

Einfachste Manipulationsmöglichkeiten hatten wir in c't 14/2012 nachgewiesen. Grundsätzlich gilt für jedwede Filtersoftware, also auch für Yelp, dass ihre Entscheidungen bestenfalls der Wahrheit nahe kommen können. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass echte und falsche Bewertungen schlichtweg gut "durchgemischt" werden.

Yelps Slogan "Real people. Real reviews." dürfte also nicht ganz den Kern treffen. TripAdvisor war in Großbritannien bereits mit einer ähnlichen Behauptung bei den Behörden angeeckt. Vielversprechender erscheint uns da der Ansatz von Holidaycheck, echte Besuche teils durch Rechnungsbelege nachweisen zu lassen, wenngleich auch hier Betrugsversuche stattfinden.

Eine aktuelle Studie der Harvard Business School und Boston University mit dem Titel "Fake It Till You Make It" analysiert genauer, unter welchen Bedingungen Bewertungen auf Yelp gefälscht werden. Haupttriebfeder ist demnach steigender finanzieller Anreiz: Niedrige oder wenige Bewertungen sowie die Unabhängigkeit von großen Ketten führen am wahrscheinlichsten dazu, dass ein Inhaber nachhilft.

Ungefähr 16 Prozent aller Bewertungen seien vermutlich gefälscht. Mehr Überraschungspotenzial haben die Feststellungen, dass circa 20 Prozent aller Bewertungen in Summe gefiltert werden. Davon entfallen auf neue Bewerter über 70 Prozent.

Eine Bevorzugung von Werbekunden kann die Studie weder widerlegen noch nachweisen. Für die Studie hatte Yelp den Wissenschaftlern einen Auszug der eigenen Datenbank für die amerikanische Metropole Boston bereitgestellt. Nicht ganz uneigennützig, denn Yelp suggeriert im hauseigenen Blog, dass die eigene Filtersoftware die Fälschungen im Griff hat.

Bei der Interpretation der Ergebnisse der Studie ist jedoch Vorsicht angesagt: Sie geht davon aus, dass bei den gefilterten Meinungen mehr Fälschungen vertreten sind als bei den ungefilterten. Zudem hatten wir im Rahmen unserer TripAdvisor-Recherchen starke Unterschiede in Bezug auf die Häufigkeit wahrscheinlich gefälschter Bewertungen zwischen einzelnen Örtlichkeiten bemerkt, was indirekt in Zusammenhang mit dem Wettbewerb stehen könnte.

Generell haben die Meinungsportale zudem ein Interesse an möglichst vielen 4- oder 5-Sterne-Bewertungen, da suchende Nutzer ungern auf mittelmäßig oder schlecht bewertete Etablissements ausweichen und dann keinen Grund in der Nutzung des Portals sehen würden.

Einige potenziell Geschädigte unter den Qype-Migranten haben sich mittlerweile auf Blogs und in Facebook-Gruppen organisiert. Der ein oder andere erwägt mittlerweile gar eine Klage gegen die in Irland ansässige Limited. Aussicht auf Erfolg hätte eine solche Klage vor allem dann, wenn Yelp bei den Löschungen ein willkürliches Vorgehen nachgewiesen werden könnte und den betroffenen Unternehmen dadurch ein Schaden entsteht.

Für Yelp ist das Migrationsdesaster indes nur ein halber Beinbruch. Abgesehen von der Publicity, die das Portal nun erhält, steht den abwanderungsbereiten Ex-Qypern der Faktor Zeit auf der Habenseite gegenüber. Die Übernahme hat vor allem die dringend benötigten Inhalte für Deutschland gebracht, um aus der Kooperation mit Apple den größten Nutzen zu ziehen: Yelp ist der bislang einzige Bewertungs- und Inhaltelieferant für Points-of-Interest in Siri und der Maps-App, die unter iOS seit einem guten Jahr und am Mac seit kurzem (als Teil von OS X Mavericks) zur Verfügung steht. (Tobias Engler) / (dbe)

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