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Bibliotheken boomen trotz Internet und Digitalisierung

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Wissenschaftliche und öffentliche Bibliotheken erleben allen Unkenrufen zum Trotz auch im Zeitalter von Google einen ungebremsten Zulauf: Darin waren sich Experten zum Auftakt des 100. Bibliothekartags in Berlin am heutigen Dienstag einig. Es sei statistisch nicht zu belegen, dass frei zugängliche Büchersammlungen durch das Internet überflüssig würden, erklärte Susanne Riedel, Vorsitzende des Berufsverbands Information Bibliothek (BIB). Besucherzahlen bewegten sich auf gleichbleibend hohem Niveau: 2010 seien hierzulande rund 120 Millionen Mal öffentliche Einrichtungen aufgesucht worden, um Medien auszuleihen, Internetarbeitsplätze zu nutzen oder sich beraten zu lassen. Der Bibliothekartag dauert vier Tage und steht unter dem Motto "Bibliotheken für die Zukunft – Zukunft für die Bibliotheken".

"Nie waren Lesesäle so gut besucht wie heute", ergänzte Ulrich Hohoff, Vorsitzender des Vereins Deutscher Bibliothekare (VDB). Jährlich fänden rund zwei Millionen Studenten hier neben WLAN-Zugängen viele für ihre Ausbildung benötigten Materialien. Auch in den Naturwissenschaften – wo die aktuelle Forschungsliteratur im Gegensatz etwa zu den Geisteswissenschaften schon sehr häufig im Netz zu finden sei – blieben Bibliotheken die erste Wahl, da elektronische Lizenzen häufig nur auf dem Campus gälten. Viele Besucher bevorzugten nach wie vor gedruckte Werke, da nicht jeder einen 500-Seiten-Wälzer am Bildschirm lesen möchte. Eine aktuelle US-Studie zu E-Books habe gezeigt, dass digitale Bücher noch längst nicht so gut seien wie die gedruckten Ausgaben, zum Beispiel beim Erstellen von Anmerkungen oder fürs Notizenmachen.

"Lebenslanges Lernen" und die "Wissensgesellschaft" seien keine reinen Schlagwörter mehr, erklärte Monika Ziller, Vorsitzende des Deutschen Bibliotheksverbands (dbv). Im Internet sei auch noch längst nicht alles zu finden, was vor Ort etwa auch an historischen Materialien und Originalen bereitgehalten werde. Der großen Nachfrage stünden aber auch erhebliche Probleme gegenüber, sagte Ziller. So erfüllten nur wenige öffentliche Bibliotheken den angestrebten Standard, wonach zwei Medien pro Einwohner vorhanden sein sollten. Angesichts des Zwangs zum Sparen könnten virtuelle Bibliotheken nur schwerlich aufgebaut werden. Die Mittel für die Digitalisierungsstrategie des Bundes müssten "deutlich erhöht werden".

Um die Ziele des vor anderthalb Jahren gestarteten Verbundsprojekts der Deutschen Digitalen Bibliothek zu erreichen, hält auch Hohoff noch verstärkte Anstrengungen für nötig. Das Interesse sei groß, auf Digitalisate zuzugreifen, führte der VDB-Chef aus. Derzeit könnten aber nur, historische, urheberrechtsfreie Werke gescannt werden. Die Bayerische Staatsbibliothek, die mit Google zusammenarbeitet, habe sich mit den Verlagen geeinigt und dürfe aktuelle Bücher einbeziehen; allerdings sei die Verwendung stark eingeschränkt. Zur weiteren Digitalisierung würden auch andere Bibliotheken Verträge mit privaten Dienstleistern abschließen, fügte Daniela Lüfing vom Ortskomitee der Tagung an. Die Verfahren seien öffentlich ausgeschrieben. Unter anderem sei angestrebt, mit Google zu kooperieren, da man einen Wettlauf mit dem Konzern ohnehin nicht gewinnen könne.

Bibliotheken der rund 300 deutschen Universitäten und Hochschulen sowie weitere einschlägige Wissenschaftseinrichtungen haben laut Hohoff im 2010 für 298 Millionen Euro neue Bücher, Fachzeitschriften und Datenbanken erworben. Damit könne aber in Bayern nur ein Drittel des errechneten Bedarfs gedeckt werden. Trotz der mangelnden finanziellen Mittel bemühe man sich, parallel Werke und Forschungsdaten im Internet besser zugänglich zu machen, "virtuelle Lern- und Forschungsumgebungen" vor Ort auszubauen und soziale Netzwerke stärker zu nutzen.

Riedel machte deutlich, dass bei rund zwei Dritteln der deutschen Bibliotheken teils erhebliche Einschnitte geplant, beschlossen oder bereits umgesetzt seien. Der Literaturbestand werde veralten, neue Medien und digitale Dienste verzögert eingeführt oder lückenhaft angeboten, Öffnungszeiten eingeschränkt oder Zweigstellen geschlossen. Da öffentliche Bibliotheken permanent unterfinanziert seien, könnten sie kaum langfristig planen und ihre Dienste an die sich rasant veränderten Erwartungen und Gewohnheiten der Mediennutzung anpassen. Der Politik warf die BIB-Chefin vor, keine "nationale Strategie" für die Bibliotheken zu haben. (anw)