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Bibliotheken überdenken ihre Rolle in der Wissensgesellschaft

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Die Rolle der Bibliotheken in der Wissensgesellschaft diskutieren mehrere hundert Experten in Berlin im Rahmen einer Tagung des internationalen Dachverbands der Bibliotheksvereinigungen (IFLA) im Auswärtigen Amt. Die Kulturstätten seien längst nicht mehr reine Aufbewahrungsorte für Bücher, sondern würden einen Zugang zum Wissen mit unterschiedlichen Medien gewährleisten, betonte Staatsminister Gernot Erler in seiner Eröffnungsrede für die Konferenz "Free Access and Digital Divide" am heutigen Donnerstag. "Sie sind unersetzliche Bildungseinrichtungen." Eine moderne Gesellschaft ohne ein funktionierendes System von Bibliotheken sei nicht vorstellbar, verglich Erler die zumeist staatlichen Einrichtungen in den Worten von Altkanzler Helmut Schmidt mit "geistigen Tankstellen einer Nation".

IFLA-Präsidentin Claudia Lux freute sich sichtlich über die Anerkennung, forderte aber zugleich mehr Ressourcen für den Umbau von Bibliotheken zu "Lernorten für alle". Sie sprach von einem "dritten Ort im öffentlichen Raum, der weder Arbeit noch Zuhause ist". Traditionelle Ausleihfunktionen würden dabei nur noch eine untergeordnete Rolle spielen und dürften von der Politik nicht als Messgröße für Erfolg herangezogen werden. Wichtiger sei die Einrichtung großer Leseräume mit Computerarbeitsplätzen, deren Lernmöglichkeiten bereits in hohem Maße angenommen würden.

Bibliotheken müssen laut Lux derzeit besonders kostspielige "Parallelwelten" anbieten. Einerseits gebe es eine immer "noch steigende Zahl an gedruckten Veröffentlichungen". Andererseits seien die höchsten Steigerungsraten in "digitalen Leistungen" zu verzeichnen. "1,4 Millionen kommen in die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, dazu kommen mehr als 12 Millionen Besucher auf der Webseite", brachte sie ein Beispiel aus der von ihr geführten Institution. Auch die Speicherformen für Wissen würden zunehmen. "Filme, Musik und Tonaufnahmen spielen eine immer größere Rolle." Neue Angebote müssten aber auch etwa den "Geruch von Berlin-Mitte" konservieren, wobei generell die Kosten für die Langzeitspeicherung noch ungewiss seien. Zudem müsse man überlegen, ob Bibliotheken künftig nicht auch verstärkt "Primärdaten" wissenschaftlicher Forschung in Form ausführlicher Untersuchungsmaterialien zusätzlich zu den komprimierten Ergebnissen zur Verfügung stellen sollten.

Zugleich stellte sich Lux mit der Forderung, dass mit öffentlichen Mitteln geförderte Wissenschaft auch öffentlich frei zugänglich sein müsse, hinter die "Open Access"-Bewegung. Der Teil der Veröffentlichungen in diesem Bereich erscheine zwar noch als gering, Methoden für ihre Systematisierung und Verbreitung seien aber zu erlernen. Dies sei Teil der Aufgabe der Bibliotheken zur "Sicherung der Teilnahme auch an der demokratischen Beteiligung".

Dieser Aspekt ist für Miriam Nisbet, Direktorin des Abteilung Informationsgesellschaft bei der UNESCO, auch ein Behauptungsgrund der Bibliotheken gegenüber der "Konkurrenz" durch Suchmaschinen. "Googeln scheint den Zugang zu Wissen durch Bibliotheken zu untergraben", führte die US-Amerikanerin aus. Was diese Zugriffsmöglichkeiten aber erst wertvoll mache, sei die Plattform, über die sie erfolgen würden. Die Büchereien stünden auf dem Fundament der Idee der Freiheit und der Menschenrechte und hätten eine soziale Verantwortung. Daher müsse man fragen, ob "wir den Zugang zum Wissen überhaupt den Regeln des Marktes überlassen können". In diesem Falle würde die kulturelle Vielfalt verloren gehen, während sich soziale Ungleichheiten ausweiten würden, fürchtete Nisbet.

Auch Johannes Fournier von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sah die Gefahr einer digitalen Spaltung "auch in der Form, dass Bibliothekare verstärkt von Nutzern getrennt werden". Viele würden sich nur noch auf Suchmaschinen verlassen, während Professoren sich selbst im Netz zu Wissensanbietern entwickeln würden. Dem müssten die Bibliotheken das Katalogisieren und Verfügbarmachen von Informationen auf höchsten Niveau entgegenstellen. Dabei sollte die soziale Interaktion mit den Nutzern etwa über mit Web-2.0-Funktionen zur Bewertung von Informationsressourcen ausgebaut werden. Bibliothekare aus China und Singapur legten gleichzeitig dar, dass Google auch als Partner gesehen und für die bessere Verfügbarkeit eigener Kataloge sowie für Mashups mit Applikationsschnittstellen einzelner Bibliotheken herangezogen werden könne. Es sei wichtig, die digitalen Bestände in eine Form zu bringen, dass sie auch die junge Netzgeneration ohne Hilfe branchenspezifischer Suchdienste finden könne. (Stefan Krempl) / (vbr)

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