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Big Brother Awards: Doppelsieg für österreichischen Bundestrojaner

Gleich zwei österreichische Big Brother Awards gab es am Dienstag für Minister, die sich für staatliche Trojaner ins Zeug werfen. Außerdem geschmäht wurden eine App, die Kinderdaten sammelt, BMW, der CIO der österreichischen Bundesregierung und Google.

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Verzweifelter Moderator vor BBA-Logo

Moderator eSeL führte durch die Big-Brother-Award-Gala.

(Bild: Joanna Pianka (bearbeiteter Ausschnitt) )

Mitteilungshefte dienen der Kommunikation von Lehrern zu Kindern und deren Eltern. Die österreichische Firma Young Enterprises Media verlegte dafür ein Heft, das gerichtlich untersagt wurde, weil es den Kinderaugen zu viel Werbung zumutete. Nun bietet die Firma statt Papier eine App namens SchoolFox. Sie sammelt Daten über die Kinder, auch für Werbezwecke. Dafür setzte es Dienstagabend den Big Brother Award Austria für Kommunikation und Marketing.

Justizminister Wolfgang Brandstetter (ÖVP)

(Bild: BKA/Christopher Dunker)

Die Negativpreise werden in Österreich traditionell am Vorabend des dortigen Nationalfeiertags vergeben. Veranstalter ist der Verein quintessenz, der sich für Bürgerrechte im digitalen Zeitalter einsetzt. Die Preise in sechs Kategorien wurden im Rahmen einer Gala im Wiener Theater im Rabenhof verliehen.

Wiederkehrendes Thema sind Anläufe der österreichischen Regierung für eine gesetzliche Grundlage für Bundestrojaner, die für Ermittlungszwecke IT-Sicherheitsvorkehrungen unterwandern sollen. Dafür müssten die Behörden von organisierten Verbrechern Informationen über Sicherheitslücken kaufen. Die müssten dann geheim gehalten werden, anstatt durch Veröffentlichung die Sicherheit zu verbessern. Weil sich auch Justizminister Wolfgang Brandstetter (ÖVP) für Bundestrojaner stark macht, bekam der Mann den Preis in der Kategorie Politik.

Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP)

(Bild: BKA/Denise Rudolf)

Innenminister Wolfgang Sobotka, ein Parteifreund Brandstetters, will den Bundestrojaner "im Darknet auf Patrouille schicken". Das ist beim Volk auf so fruchtbaren Boden gefallen, dass es den Innenminister und seinen Bundestrojaner für den People's Choice Award auserkoren hat. Bei der Volkswahl kann jedermann online anonym mitstimmen, während die übrigen fünf Preise durch eine Jury zugesprochen werden.

Bereits 2007 war der damalige Innenminister Günther Platter, ebenfalls Österreichische Volkspartei, für seine Unterstützung des Bundestrojaners vom Volk mit dem Big Brother Award Austria bedacht worden. Damals war Platter zudem für den Politik-Preis nominiert gewesen.

Die Handy-Signatur dient in Österreich zur rechtsverbindlichen elektronischen Unterzeichnung von Anbringen an Ämter, vulgo E-Government. Aus Bürgersicht läuft es ähnlich ab wie die TANs beim Online-Banking. Die Werbetrommel dafür rührt seit Jahren der Chief Information Officer der österreichischen Bundesregierung, Reinhard Posch. Leider ist die österreichische Handy-Signatur anfällig für Phishing. Weil Posch auf diese Entdeckung nicht reagiert hat, bekam er nun den Big Brother Award in der Sparte Behörden und Verwaltung.

Doch Posch hält die Handy-Signatur weiterhin für sicher: "Auch auf mehrmalige Aufforderung hin wurde die angebliche Problemlage nicht live vorgeführt. Aus unserer Sicht deshalb, weil einige Annahmen nicht vertretbar sind", teilte er in einer Stellungnahme mit. Außerdem werde die TAN-Übertragung von SMS auf eine App umgestellt.

"Das Schweigen der Lemminge" war Motto der Big Brother Awards Austria 2016.

(Bild: quintessenz)

Dass moderne BMW sogar Daten über das Verhalten von Fahrzeuginsassen sammeln und speichern, war den Österreichern den Negativpreis des Jahres für Business und Finanzen wert. Und im Bereich Weltweiter Datenhunger wurde, wieder einmal, Google prämiert.

Anlass war diesmal die neue Messaging-App Allo, die standardmäßig keine Verschlüsselung aktiviert. Noch schlimmer: Alle übertragenen Inhalte werden auf Google-Servern gespeichert und dort wiederholt ausgewertet.

Rund um die Big Brother Awards richtet der Chaos Computer Club Wien dieses Jahr erstmals eine Veranstaltungsreihe über Datenschutz im digitalen Zeitalter aus. Die Privacy Week läuft noch bis 30. Oktober. Ein Teil des Programms wird online live gestreamt. (ds)

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