Big Brother Awards: Ein diskursreicher Nachmittag

Unter 250 eingesandten Vorschlägen für den deutschen Big Brother Award schafften es 8 in die Preisränge; doch keiner der so Geehrten schaffte es, die Reise nach Bielefeld anzutreten.

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Unter 250 eingesandten Vorschlägen für den deutschen Big Brother Award schafften es 8 in die Preisränge, doch keiner der so Geehrten schaffte es, die Reise nach Bielefeld anzutreten. Einzig die in der Kategorie "Politik" für das Festhalten am Großen Lauschangriff ausgezeichnete Ministerin Brigitte Zypries hatte eine Stellungnahme geschickt, der Rest der Preisträger zog die Nicht-Kommunikation vor.

Zypries verteidigte in ihrer Stellungnahme den Großen Lauschangriff als legitime "akustische Wohnraumüberwachung" und wünschte den Teilnehmern an der Preisverleihung einen diskurs- und erfolgreichen Nachmittag. Die Teilnehmer konnten wirklich etwas lernen, etwa vom Politik-Laudator Fredrik Roggan. Dieser erzählte, dass es im letzten Jahr 13 richterlich abgesegnete Lauschangriffe gab, von denen nicht einmal die Hälfte darin erfolgreich war, Beweismaterial für die Strafverfolger sicher zu stellen.

Dagegen konnten die Organisatoren des Big Brother Award einen kleinen Erfolg verbuchen. Wie der Laudator Frank Gössner in der Kategorie "Behörden und Verwaltung" zu den datenhungrigen Hartz IV-Fragebögen erklärte, ist ab sofort festgestellt, dass Fragen über Mitwohner in so genannten Wohngemeinschaften nicht beantwortet zu werden brauchen. Er hatte dennoch eine Menge an den Fragebögen auszusetzen und bedauerte, dass datenschutzgerechte Fragebögen nicht vor Mitte des nächsten Jahres zu erwarten sind.

Zu den Dingen, die die schwungvolle Preisverleihung im überheizten Murnau-Saal der Bielefelder Spinnereien zuerst verpassten, gehörte das Fahnungsplakat unter anderem mit den Gewinnern des Jahres 2004: Es wurde zuerst weder erwähnt noch gezeigt. Zum Ende der Veranstaltung wurde es dann aber doch noch aufgehängt. In seinen Anklängen an die RAF-Fahndungsplakate früherer Jahre fanden dies unter anderem einige Laudatoren doch eher peinlich ...

Siehe zu der Verleihung der Big Brother Awards in Deutschland auch:

  • Big Brother Awards: Die Stimme der Stimmlosen
  • Die Big Brother Awards im Einzelnen:
    • Kategorie Arbeitswelt: Lidl Stiftung GmbH & Co. in Neckarsulm "für den nahezu sklavenhalterischen Umgang mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern".
    • Kategorie Behörden & Verwaltung: Bundesagentur für Arbeit "für die Ausgabe eines 16seitigen Antragsformulars an Langzeitarbeitslose, mit dem hochsensible Daten teils unzulässig abgefragt werden und Informationen auch unbefugten Stellen zugänglich werden können".
    • Kategorie Politik: Bundesministerin der Justiz, Frau Brigitte Zypries, "für ihr Festhalten am Großen Lauschangriff als Instrument der Strafverfolgung".
    • Kategorie Technik: Canon Deutschland GmbH "für das Einbetten einer unsichtbaren weltweit einmaligen Geräte-Kennung in sämtliche Farbkopien, um bei jeder Kopie nachvollziehen zu können, welches Gerät benutzt wurde".
    • Kategorie Wirtschaft & Verbraucherschutz: Tschibo direct GmbH -- "Sie beteuert in ihren Prospekten und im Internet "Alle persönlichen Daten werden vertraulich behandelt." Tatsächlich aber werden angereicherte Adressen der Tchibo-direct-Kundinnen und -Kunden über die Arvarto / AZ direct auf dem Adressenmarkt angeboten".
    • Kategorie Kommunikation: Armex GmbH "für Ihr Produkt "Track Your Kid" -. stellvertretend auch für andere Anbieter, die Überwachungsdienste für Eltern anbieten".
    • Kategorie Gesundheit & Soziales: Bundesministerin für Gesundheit und soziale Sicherung, Frau Ulla Schmidt "für das Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung GKV-Modernisierungsgesetz (GMG), das am 01. Januar 2004 in Kraft getreten ist".
    • Kategorie Regional: Rektor der Universität Paderborn, Prof. Dr. rer. nat. Nikolaus Risch, " weil Hörsäle und Rechnerräume mit Videokameras überwacht werden".

Siehe zu den Big Brother Awards in anderen Ländern auch:

(Detlef Borchers) / (jk)