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Big Brother kommt an

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Als zweites Unternehmen nach Microsoft, das 2002 seinen Datenschutzbeauftragten nach Bielefeld geschickt hatte, nimmt die Firma ptv am heutigen Dienstag in Heidelberg einen Big Brother Award entgegen. Zur Preisübergabe reist padeluun vom FoeBuD e.V., dem Ausrichter der Big Brother Awards, zur ptv-Konferenz Fit for Profit. Nach Auskunft des FoeBuD will die Firma, ein Spezialist für Navigations- und Logistiksoftware, den Preis in ihrer Eingangshalle ausstellen.

Ptv hatte im vergangenen Jahr den Big Brother Award in der Kategorie Technik für eine Lösung gewonnen, die damals "Pay as you Drive" hieß – ein Begriff, der mittlerweile ein Warenzeichen des englischen Versicherers Norwich Union ist. Die Juroren des Big Brother Award bemängelten eine für Versicherungen konzipierte Fahrüberwachungslösung, bei der Fahrdaten mit aktuellem Kartenmaterial verglichen werden, um zu sehen, ob eine in der Versicherungspolice vorgegebene "Selbstbeschränkung" eingehalten wird. "Es ist eine Illusion, dass die durch die Black Box gewonnen Daten in der Hand des Fahrzeughalters und der Versicherung bleiben", hieß es in der Preisbegründung im Herbst 2007.

Mittlerweile hat man bei ptv aus der Kritik gelernt und nimmt den Preis als Anregung für den realisierten Datenschutz entgegen. Denn die Technik des "Map Matching", die bei der Lösung von Norwich Union eingesetzt wird, wird von ptv laut eigener Auskunft nicht mehr favorisiert. Beim Map Matching sendet eine im Fahrzeug installierte OBU (On-Board Unit) die Positionsdaten des eingebauten GPS-Empfängers zu einem Rechenzentrum, das IBM für den Versicherer Norwich Union betreibt. Dort werden die GPS-Daten mit dem gespeicherten Kartenmaterial verglichen, die Fahrrouten rekonstruiert und nur die zusammengerechneten Fahrleistungen an den Versicherer gesendet, der alsdann den Versicherungsbetrag abbucht. Auch wenn die Detaildaten im IBM-Rechenzentrum bleiben, kann bei diesem Verfahren von Datenschutz nicht die Rede sein. Auch das Gebot der Datensparsamkeit wird mit diesem System ad absurdum geführt.

Nach Auskunft von ptv arbeitet die aktuelle Lösung nunmehr anders. Die Firma hat ein Abrechnungssystem entwickelt, das die GPS-Signale noch während der Fahrt auf der Basis des internen Kartenmaterials auswertet. Dabei sollen die Fahrleistungen, die Straßenklassen oder die Tageszeiten lokal gesammelt und komprimiert werden, ehe sie der Versicherung zur Rechnungsstellung geschickt werden. Sowie diese Übertragung erfolgt ist, werden die Detaildaten jedoch in der OBU gelöscht: Der Autofahrer ist gläsern, aber nur in seinem eigenen Auto. Das Rechnungszentrum des Versicherers bekommt aggregierte Daten, mit denen weder Behörden noch andere "Bedürftige" etwas anfangen können. Da ptv diese Lösung nach Verleihung des Big Brother Preises entwickelte und von Datenschützern prüfen ließ, sieht man der Preisvergabe durch padeluun gelassen entgegen und empfindet den Preis als Positivpreis.

Ursprünglich sollte die ptv-Lösung bei der badischen WGV-Versicherung zum Einsatz kommen, die ein System namens "Young and Safe" anbietet. Dabei werden eine OBU und ein vom Fahrer zu bezahlender iPAQ-PDA (als Navigationsgerät) im Auto installiert. Die OBU registriert via GPS-Datenabgleich, wann der Wagen zu schnell fährt und warnt den Fahrer. Fährt dieser länger als 15 Sekunden mit überhöhter Geschwindigkeit, so wird ein Mahnpunkt gespeichert. Sind in einem Jahr mehr als 12 Mahnpunkte zusammengekommen, so meldet sich die OBU bei der Versicherung, welche ihrerseits den Versicherungsrabatt aufhebt, den junge Fahrer im Rahmen dieses Fahrprogrammes bekommen.

Die Teilnehmer am Programm können die passwortgeschützte OBU über das Internet kontaktieren und ihren Mahnpunktestand abrufen – was der Versicherung selbst nicht möglich ist. Abgesehen von den Mahnpunkten, die mit dem öffentlichen Schlüssel des Teilnehmers verschlüsselt gespeichert und nur mit seinem privaten Schlüssel ausgelesen werden können, fallen keine weiteren Daten an. Das von der Schweizer Firma logix-tt entwickelte und in Zusammenarbeit mit Hewlett Packard vertriebene "Young & Safe" produziert so keinen gläsernen Autofahrer, wohl aber einen gehorsamen Autofahrer, der sich an die laufende Überwachung seines Fahrstils gewöhnt. (Detlef Borchers) / (vbr)