Menü

Big Data: Gesche Joost wirbt für Debatte ohne Drama

Die Internetbotschafterin der Bundesregierung warnt davor, die angesichts der NSA-Überwachung empfundene "Ohnmacht" auf jegliche Datenverarbeitung "umzulenken". Und für Jutta Weber ist Facebook sowas wie die hübsche kleine Schwester von Big Brother.

Lesezeit: 1 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 28 Beiträge

(Bild: heise online/Krempl)

Von

Gesche Joost, Internetbotschafterin der Bundesregierung in Brüssel, hat sich für eine differenziertere Debatte über Big Data ausgesprochen. Das Gefühl vieler Nutzer, gegen Geheimdienste oder Internetkonzerne wenig ausrichten zu können, schlage sich in Kritik an jeglicher Datenverarbeitung und insbesondere an Big Data nieder, gab Joost auf einer Konferenz des IT-Verbands Bitkom und der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung am Mittwoch in Berlin zu bedenken.

Eine "Dramatisierung" erfolge schon ständig im deutschen Feuilleton, meinte Joost. Damit drifte der Diskurs "in eine Angsthaltung hinein, die für uns sehr schädlich ist". Man dürfe die Chancen der Digitalisierung nicht aus den Augen verlieren. "Ohne Big Data werden wir die Energiewende nicht hinbekommen", betonte die Internetbotschafterin. Gleichzeitig gelte es, Grenzen für die Nutzung personenbezogener Daten und eine "klare Opt-out-Funktionalität" festzulegen. Es sei wichtig "Data Literacy" vermehrt auf die bildungspolitische Agenda zu setzen, um schon Schüler zu einem mündigen Umgang mit ihren Daten zu befähigen. An die Bundesregierung appellierte Joost, "mit großen Partnern wie den USA und China" für Bürgerrechte einzustehen.

Zwischen "guter" und "böser" Big Data zu unterscheiden, sei zu einfach und mache wenig Sinn, ergänzte die Paderborner Mediensoziologin Jutta Weber. Man könne solche Phänomene nicht "in einzelnen Anwendungen diskutieren", sondern müsse sie in größeren Zusammenhängen sehen. Die Medientheoretikerin konzentrierte sich auf die kleine, "anziehende" Schwester von Big Brother in Form etwa eines "verführerischen Moments" sozialer Netzwerke. Diesen mache etwa die Möglichkeit aus, im "Meer der Daten" von Nachrichtenströmen von Facebook und Co. mitzuschwimmen und darüber die Angst vor Einsamkeit im grenzenlosen Cyberraum zu überwinden.

Dazu kommt Weber zufolge die "Quantified Self"-Bewegung, die Überwachungsfunktionen etwa über Fitness-Apps und Diätprogramme "auch recht fleißig" gebrauche. Dieser Trend verstärke wiederum die vom französischen Soziologen Michel Foucault beschriebene "Normalisierungsgesellschaft": entsprechende Anwendungen basierten auf einem statistischem Mittelwert etwa von dick oder dünn, der "zum Wünschenswerten" deklariert werde. Diesem versuche sich der Nutzer im Streben nach Selbstoptimierung immer weiter anzunähern.

Die genannten Stränge laufen für die Wissenschaftlerin in einer "Techno-Security" zusammen, die "partizipative, lustvolle und spielerische Formen der Überwachung" zu kapitalisieren suche. Sie selbst hoffe, dass deren Verheißungen bald "nicht mehr als so groß angesehen werden" und auch bei der jungen, technikaffinen Generation "Ermüdungserscheinungen" eintreten. (vbr)