Bildschirmfrei für Grundschüler

Eine französische Schule probt für zehn Tage die Abstinenz von Fernsehen und Computer.

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Noch ist dieses Straßburger Experiment für Europa neu, doch sind Nachahmer wahrscheinlich: Zehn Tage lang wollen 259 Schüler der Ziegelwasser-Grundschule im Straßburger Vorort Neuhof auf Fernsehen, Computerspiele und Internet verzichten. Alle Bildschirme sollen ausgeschaltet bleiben, damit die 6- bis 11-Jährigen "anders sehen" lernen, so die Absicht des Experiments, das für den Direktor der Ziegelwasser-Schule ein "Match gegen einen Feind" ist, der über "große verführerische Mittel" verfügt.

1200 Stunden würden Schüler jährlich vor "ihren Bildschirmen" verbringen – gegenüber 800 Stunden an der Schule. Mit elf Jahren habe ein Kind im Mittel 8000 Morde im Fernsehen gesehen, und mindestens die Hälfte der Kindern in diesem Alter habe sich bereits übers Internet pornographische Bilder angesehen: Diese Zahlen stammen vom Institut Eco-Conseil, das maßgeblich an dem Experiment an der Straßburger Schule beteiligt ist.

Nach Angaben der französischen Tageszeitung Le Figaro sollen die Franzosen täglich etwa 3,5 Stunden vor dem TV-Gerät sitzen, Kinder zwischen 4 und 10 Jahren über 2,5 Stunden. Einer jüngst erschienenen Studie zufolge sollen 60 Prozent aller französischen Haushalte mindestens sechs Bildschirme besitzen.

In den USA und in Kanada wäre das Experiment kein Novum. Dort kennt man seit den 90er-Jahren Kampagnen für fernsehfreie Wochen (siehe dazu den Telepolisartikel: Schalt die Glotze ab!). Wie der Figaro berichtet, hat man sich an der französischen Schule von den Ergebnissen inspirieren lasssen, die der kanadische Medienforscher Jacques Brodeur seit 2003 bei Experimenten an 80 Schulen beobachtete. Demnach würde sich durch die Bildschirm-Abstinenz die Kommunikation innerhalb der Familie verbessern und – was den Grundschulleiter aus dem franzöischen "Problemviertel" vor allem interessiert haben dürfte – die Gewalt an den untersuchten Schulen sei während dieser Zeit "stark zurückgegangen".

Unumstritten ist das Straßburger Experiment freilich nicht, Gegner plädieren für besseren Medienkunde-Unterricht statt für realitätsferne Abstinenz. Realitätsnahe Skeptiker zweifeln an der Qualität des Experiments aus anderen Gründen: Die Beurteilung, ob die Schüler einen medienfreien Tag verbracht haben, wird nämlich von ihnen selbst vorgenommen. Dabei werden medienfreie Tage mit Punkten belohnt. (tpa)