Bildung: Das digitale Klassenzimmer

Deutsche Schulen sollen im Eiltempo digitalisiert werden. Ob das wirklich eine gute Idee ist, zeigt der Blick in die USA.

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Schule wird digital

(Bild: Emily Haasch)

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Im Februar 2019 einigten sich Bund und Länder in Deutschland auf den Digitalpakt Schule: Fünf Milliarden Euro an Fördermitteln aus dem Bundeshaushalt sollen helfen, flächendeckend eine "zeitgemäße digitale Bildungs-Infrastruktur" aufzubauen.

TR 4/2020

In den USA ist digitales Lernen in den Schulen längst Alltag und zeigt bereits seine Schattenseiten – allen voran in verstärkter Bildungsungerechtigkeit, berichtet Technology Review in seiner neuen April-Ausgabe (jetzt im Handel). Wann immer Schüler getestet werden, tun sich massive Lücken zwischen den Kindern wohlsituierter Familien und denen aus armen Schichten auf.

Früher versuchte man, die Ausbildung der Lehrer zu verbessern, um das auszugleichen. Heute setzen die Pädagogen ihre Hoffnung vor allem auf Software und Online-Tutorials. Ed-Tech boomt. Sogar Kindergärten und Vorschulen sind auf den digitalen Zug aufgesprungen, mit technophilen Philanthropen wie Bill Gates und Mark Zuckerberg als eifrigen Einstiegshelfern.

Computer sind günstiger als gute Lehrer. Das macht gerade die ohnehin Benachteiligten zu den Leidtragenden digitaler Lösungen: Ein Beispiel sind die kommerziell betriebenen Rocketship Public Schools. Sie zielen vor allem auf einkommensschwache Gemeinden ab und setzen stark auf digitale Technik. Während der so genannten Lernlabor-Zeit beaufsichtigt eine Art Hilfslehrer bis zu 90 Schüler. Ein einziges "Learning Lab" macht also mehrere Stellen für gut ausgebildete Lehrer überflüssig. Die Nachfrage ist so groß und die Technologie wird so unkritisch eingesetzt, dass in Rocketship-Schulen jetzt schon die Vorschulkinder 80 bis 100 Minuten pro Tag vor Bildschirmen zubringen.

Die wissenschaftliche Beweislage zu den Effekten des digitalen Lernens ist dünn. Schlimmer noch: Der Großteil der Daten zeigt negative Effekte. 2015 etwa veröffentlichten Bildungsforscher eine Studie an Millionen Oberschülern in den 36 OECD-Staaten.

Sie fanden heraus, dass jene Schüler, die den Computer intensiv in der Schule nutzten, "in den meisten Lernbereichen viel schlechter abschnitten, selbst wenn die Effekte um den sozialen Hintergrund und demografische Effekte bereinigt werden".

In einer Studie unter Studenten der Collegestufe an der US-Militärakademie Westpoint legten 2016 diejenigen in den Prüfungen schlechtere Ergebnisse ab, die Laptops oder digitale Geräte in ihren Klassen hatten. Achtklässler aus North Carolina, die Algebra online lernten, konnten im Vergleich nicht so gut rechnen wie die traditionell frontal Unterrichteten.

Und in einer 2019 veröffentlichten Datenanalyse durch die Pariser Reboot Foundation kam heraus, dass Viertklässler, die Tablets in allen oder fast allen Klassen verwendeten, bei Lesetests im Durchschnitt eine ganze Note schlechter abschnitten als Kinder, die nur Papier benutzten. Die Stiftung hatte dabei unter anderem auf Daten aus den PISA-Tests zurückgegriffen.

Zumindest in den USA führen solche Erkenntnisse langsam zum Umdenken, Deutschland ist jedoch noch im Ausbaumodus. Es gibt zwar eine "wissenschaftliche Begleitung des Ausbaus durch die Bildungsforschung". Das Thema ist jedoch weniger, digitale Methoden mit Bedacht einzuführen, sondern vor allem, den reibungslosesten Ablauf zu gewährleisten.

Vor allem die Lehrerschaft beunruhigt diese Tendenz zunehmend. Die deutschen Schulen agieren auffällig zurückhaltend. Sie haben bisher erst 40 Millionen Euro aus den Fördertöpfen abgerufen, weniger als zehn Prozent der zur Verfügung gestellten Summe. "Wir haben ohnehin schon den Eindruck, dass die Kinder viel unkonzentrierter sind", sagt ein niedersächsischer Vertreter der Lehrergewerkschaft. "Digitale Geräte in den Schulen bringen da nur noch mehr Unruhe."

Mehr über "das digitale Klassenzimmer" erfahren Sie in der neuen April-Ausgabe von Technology Review (im gut sortierten Zeitschriftenhandel erhältlich).

(jsc)