Menü

Bill Gates auf großer Lobby-Tour in Berlin

vorlesen Drucken Kommentare lesen 218 Beiträge

Ein Porzellan-Knut für Bill Gates, überreicht von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit

Der "Magie der Software und der Philanthropie" widmete Microsoft-Gründer Bill Gates seinen Eintrag ins Goldene Buch von Berlin am heutigen Dienstag. Punkt 17 Uhr war der Multimilliardär in einem kleinen Mercedes-Bus vor dem Roten Rathaus vorgefahren zum Termin mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit. Eine Handvoll Autogrammjäger ließ der Besucher aus Redmond unbeachtet links liegen, eilte in Begleitung von Achim Berg, dem Chef von Microsoft Deutschland, die Stufen empor in die Amtszimmer des Stadtobersten.

Unter dem Getöse des Klickens von Kameras und einem nicht enden wollenden Blitzlichtgewitter signierte Gates das Gästebuch. Im Gegenzug schenkte ihm Wowereit, der selbst bei einem vorangegangenen Besuch von Tom Cruise im Roten Rathaus nicht derart viele Fotografen gesichtet haben wollte, eine Porzellanstatue von Eisbär Knut in jungen Kindertagen. Den tierischen Star aus dem Berliner Zoo bezeichnete der Bürgermeister als "bekanntesten Botschafters der Stadt". Der Erfolgsunternehmer schaute aber nur kurz auf die Figur und nahm lieber das ihm ebenfalls überreichte "Berlin-Paket" in Buchform unter den Arm.

Bill Gates verewigt sich in Berlins Goldenem Buch

Anschließend zogen sich Gates, der sich vor kurzem aus dem aktiven Geschäft bei Microsoft verabschiedet hat, und Wowereit für ein rund viertelstündiges persönliches Gespräch zurück. Über dessen Inhalt wurde nichts bekannt. "Small Talk" habe auf dem Programm gestanden, hieß es bei Vertretern von Microsoft Deutschland. Um tagespolitische Themen sei es nicht gegangen.

In Berlin herrscht seit langem Streit über die Migration der Server und der rund 58.000 Arbeitsplatzrechner in der Verwaltung auf neue Betriebssysteme und Bürosoftware. Der Hauptausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses hatte vor über zwei Jahren zunächst einen konkreten Fahrplan zur Umrüstung auf Linux und Open Source gefordert, wogegen sich der Senat aber immer wieder wegen angeblicher rechtlicher Umsetzungsprobleme sperrte. Ende November verwässerte das Parlament den Beschluss deutlich. Demnach sollen die Behörden bei der Beschaffung von Software allein auf die Einhaltung "offener Standards" achten.

Eigentlich ist Gates als Gastgeber der zweitägigen Konferenz Government Leaders Forum Europe in Berlin. Im Rahmen der Veranstaltung wollen die Redmonder führende Politiker und hochkarätige Persönlichkeiten aus Wissenschaft und dem IT-Bereich zusammenbringen. Bei dem Lobby-Event soll der Gedankenaustausch über moderne Formen von Regierungsführung, E-Government und IT-Qualifizierung im Vordergrund stehen. Am heutigen ersten Tag sprachen auf dem Forum nach der Begrüßung durch Wowereit unter anderem Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) und Ralf Schneider, IT-Direktor bei der Allianz. An Politikern nehmen des weiteren Vladimir Spidla, EU-Kommissar für Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit, sowie der slowenische Ministerpräsident Janez Jansa teil.

Den Höhepunkt zum morgigen Abschluss bildet eine Diskussion zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Gates. Gemeinsam wollen die Spitzenpolitikerin und der Software-Experte die "IT-fitteste Schule" Deutschlands küren. Bis Ende Juli sollen sich im Rahmen eines entsprechenden Wettbewerbs Schulen, Lehrer und Schüler unter anderem für eine Schul-PC-Vollausstattung im Wert von 50.000 Euro in Position bringen.

Wowereit freute sich bereits im Vorfeld der Konferenz, "dass der große Software-Entwickler in der Stadt zu Gast ist, in der Konrad Zuse den ersten funktionsfähigen Computer der Welt gebaut hat". Der Besuch unterstreiche, "dass Berlin international als Zentrum führender Wissenschaft und moderner Technologie wahrgenommen wird".

Scharfe Kritik an dem bevorstehenden Tête-à-tête zwischen Merkel und Gates übte derweil Nele Hirsch, bildungspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Linken. "Microsoft will in erster Linie Betriebssysteme verkaufen und das am liebsten als Monopolist", erklärte die Oppositionspolitikerin. Der IT-Fitness-Wettbewerb an deutschen Schulen sei allein als Maßnahme der Verkaufsförderung für Microsoft zu sehen. Bei Merkel vermisst Hirsch in diesem Zusammenhang Fingerspitzengefühl: Während die Geschäftspraktiken Microsofts nach wie vor in der EU Gegenstand von Kartellverfahren seien, betätige sich die Kanzlerin als Werbefigur des Softwarekonzerns. Merkel sollte sich in ihrer Rolle als Regierungschefin besser für eine Bildungspolitik einsetzen, durch die alle Schulen mit modernster IT-Technik ausgestattet würden. (Stefan Krempl) / (pmz)