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Biometrie: die Praxis ruft [Update]

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Die Biometrie ist drauf und dran, als Zugangskontrolle in Firmen und als Identifikationsvehikel im Pass- und Visawesen in großem Maßstab eingesetzt zu werden. Nicht nur der Start eines Pilotprojekts am Frankfurter Flughafen zur Identifikation per Iris-Erkennung, das Innenminister Otto Schily am Donnerstag publikumswirksam einläutete, rückt dies ins Interesse der Öffentlichkeit: Das Fazit einer zweitägigen Veranstaltung, die der Verband für Sicherheitstechnik unter dem Titel "Biometrische Verfahren im praktischen Einsatz" in Hamburg organisierte, war ebenfalls eindeutig. Etwa 200 Teilnehmer, überwiegend von Großunternehmen und Landesbehörden delegiert, informierten sich mit Vorträgen und einer kleinen Fachausstellung über den aktuellen Stand der Biometrie. Der Zeitpunkt der Tagung lag günstig: Am 27. Januar hatte das Bundesarbeitsgericht erstmals biometrische "Personenvereinzelungsanlagen" als technische Überwachungseinrichtungen definiert, die der Mitbestimmung des Betriebsrates unterliegen. Auch wenn es im Streitfall vor Gericht um die Mitbestimmung in einer Firma ging, die ihre Arbeitnehmer in andere Firmen schickte, habe das Urteil weit reichende Folgen, befand Astrid Albrecht vom BSI in ihrem Referat über rechtliche Aspekte biometrischer Verfahren. Ohne Mitsprache durch die Arbeitnehmer dürfen biometrische Zugangskontrollen fürderhin nicht installiert werden.

Etliche Vorträge und eine Podiumsdiskussion beschäftigten mit den noch jungen Erfahrungen beim Einsatz von Biometrie. Gerade 3 Wochen setzte das Forschungszentrum Geesthacht auf Biometrie bei der Zugangskontrolle, seit drei Monaten schleust die Pharmafirma Merck ihre Mitarbeiter durch Vereinzelungsanlagen und der Feldversuch mit Biometrie im Biergarten brachte es in der vergangenen Saison auf 180 Tage. Summiert man die Berichte, so fallen drei Punkte auf.

  • Die Enrollment-Phase, in der Mitarbeiter oder Kunden in das System "eingepflegt" werden und in der sie den Umgang mit der neuen Technik lernen, dauert immer länger als ursprünglich veranschlagt.
  • Um wirklich fälschungssichere Zugangskontrollen zu haben, reicht ein biometrisches Merkmal nicht aus. Zusätzlich zur Iris-Untersuchung werden die 8000 Mitarbeiter bei Merck etwa gewogen, bei anderen Firmen ist die Biometrie an einen PIN-Code im Firmenausweis gekoppelt.
  • Alle "early adopters" haben Befürchtungen, mit den per Biometrie destillierten Zugangsdaten (Templates) eines Tages im Wald zu stehen, wenn der Hersteller der Lösung Konkurs macht. Ein Standard für die Template-Pflege ist nicht in Sicht, der Umstieg von einer Lösung zu einer anderen ist auch bei Nutzung derselben Grundtechnik (etwa Fingerabdruck oder Iris-Scan) nicht möglich.
  • Anhand einer Liste von heise-online-Meldungen über biometrische Projekte in Nürnberg, Tampa und Boston beschäftigte sich der Biometrie-Berater Manfred Bromba mit der Frage, warum so viele Biometrie-Projekte scheitern. Mit dem Leitsatz "Es gibt keine schlechte Biometrie, nur ungeeignete Anwendungen" machte Bromba ganz andere Rechnungen auf. Das Glauben an forsche Herstellerversprechen in eine unausgereifte Technik und die von ihm häufig beobachtete zu späte Einbindung von Datenschützern führen nach Bromba mit schöner Regelmäßigkeit zu abbruchreifen Installationen. Angesichts der kommenden Fußball-WM in Deutschland, bei der die Gesichtserkennung dazu benutzt werden soll, frühzeitig bekannte Hooligans aus den Besuchermassen zu fischen, machte Bromba die Gegenrechnung auf, dass mit der Genauigkeit der heute bekannten biometrischen Methoden unter 100.000 Besuchern bei 10 Personen, nach denen gefahndet wird, 10.000 Unschuldige fälschlicherweise als Gesuchte erkannt werden. Bromba bilanzierte: "Der Mensch ist in diesen Fällen noch der beste Erkenner".

    Mit seinem zweiten Leitsatz "Für fast jede Anwendung gibt es ein brauchbares System, wenn man keine Wunder erwartet", machte Bromba seinen Zuhörern Mut. Wichtig ist vor allem die Einbeziehung der Quelle aller biometrischen Datenerhebung, der Mensch an sich: Nach Bromba kann sich der Mensch kooperativ, nicht kooperativ, anti-kooperativ und gemischt kooperativ verhalten, wenn er mit Biometrie konfrontiert wird. Fast alle Installationen gehen dabei von der irrigen Annahme aus, dass Menschen sich kooperativ verhalten. Das aber sei nicht der Fall: Selbst kooperativen Menschen (etwa Einreisewillige, die einen Fingerabdruck abgeben müssen) ekelt es mitunter vor den hygienischen Bedingungen der Datenprüfung, und so kommen gemischt kooperative Verhaltensweisen zum Tragen.

    Den versöhnlichen Abschluss der Tagung bildete der überaus positiv gestimmte Bericht vom Zoo Hannover, in dem sich 72.900 Inhaber von Jahreskarten regelrecht freuen, bei ihrem Besuch in einen Spiegel zu blicken und anschließend das Konterfei auf einem Bildschirm mit dem Bild ihres letzten Besuches zu vergleichen. Besonders Kinder lieben die Technik und quengeln, bis sie eine Jahreskarte haben, berichtete Projektleiter Klaus-Michael Machens. Die spielerische Installation der Biometrie erzieht die Menschen, die Tiere sehen wollen, zu einem manierlichen kooperativen Verhalten. (Detlef Borchers) /