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Biosig 2005: Vom Ohr zum Herz

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Messtechnisch gesehen ist der Mensch ein aufregendes Wesen und der ganze Körper eine einzige Goldgrube. Vom Zahn bis zum Zehennagel sind wir lauter Unikate, die mit der richtigen Technik eindeutig identifiziert werden können. Doch längst nicht jede biometrische Technik ist von Erfolg gekrönt. Vor knapp 10 Jahren veröffentlichte Unisys eine Studie, derzufolge Thermogramme an Geldautomaten in 10 Jahren der Aufnahmestandard sein werden: Statt eines Fotos sollten Wärmekameras helfen, selbst eineiige Zwillinge unterscheiden zu können. Die Sache mit den psychedelisch angehauchten Bildchen floppte, doch gibt es ständig neue Techniken, die eine Anwendungen suchen. Sie wurden im zweiten Teil der gut besuchten Biosig 2005 in Darmstadt vorgestellt (zu den Diskussionen um den Biometriepass auf der Biosig 2005 siehe auch: Ein Pass, der passt).

Roland Sassen von der emsländischen Firma Thinsia erklärte den versammelten Informatikern, wie aus den EKG-Werten des Herzes der "Herzton" herausgefiltert werden kann, der bei jedem Menschen anders ist. Mit einem berührungslosen EKG-Scanner in Chipgröße auf der Basis des Mach-Zehnder Inferometer will seine Firma in den nächsten Jahren ein Gerät entwickeln, mit dem das Herz etwa zur Einlasskontrolle vermessen wird. Einwände der Zuhörer, dass bei dieser Technik auch medizinische Informationen anfallen, die etwa ein Arbeitgeber auswerten könnte, begegnete Sassen mit einer positiven Sicht der Dinge: Wenn einmal am Tag das Herz gemessen werde, sei dies ein Beitrag zur Früherkennung von Herzkrankheiten.

Gary Garcia und Michiel van der Veen stellten die neue Innenohr-Biometrie vor, die in den Labors von Philips Research entwickelt wird. Bei dieser Technik schickt ein Sender Töne in den Gehörgang, die ein Empfängermikrofon auswertet. Mit der akustischen Vermessung des Innenohrs wollen die Philips-Forscher in Testreihen eine Identifikationsgenauigkeit ermittelt haben, die dem Fingerabdruck nahe kommt. Dass die Technik funktioniert, davon konnten sich die Teilnehmer der BioCAST vor Ort überzeugen. Mit der Innenohr-Biometrie, die kostengünstig mit handelsüblichen Mikrofonen in Kopfhörern und Mobiltelefonen eingebaut werden kann, ist der Weg frei zum Handy oder MP3-Player, die zweifelsfrei ihre Besitzer erkennen können. Einen Markt sehen die Forscher vor allem beim Einsatz in DRM-Systemen: Wenn ein MP3-Player die Person identifizieren kann, kann er nur die Musik abspielen, die diese Person gekauft hat. Ähnliches gilt für das Home Entertainment, bei dem die gesamte Musik einer Familie auf einem Server gespeichert ist, via Kopfhörer aber nur von den "Besitzern" gehört werden kann.

Wie neue Speichertechniken und Biometrie zusammenkommen, demonstrierte Stephan Völkening mit dem von Bayer Innovation entwickelten Phenostor-System. Bei der Datenspeicherung in fotoadressierbaren Polymeren werden die Bits in eine "Lochmaske" umgerechnet und mit Hilfe zweier Laserlichtquellen als Hologramm gebrannt. Die Technik gestattet es, auf Plastikkarten mehrere Gigabyte zu speichern. Sie wurde in Hinblick auf die elektronische Gesundheitskarte entwickelt, weil digitale Röntgenbilder und Krankenakten komplett auf einer Phenostor-Karte gespeichert werden können. Im biometrischen Einsatz soll die durch die Phasenverschiebung der Lichtquellen sehr fälschungssichere Speichertechnik vor allem dort eingesetzt werden, wo hochauflösende Digitalfotos benutzt werden. Das zu einem Muster umgerechnete Bild eines Menschen wird dabei optisch auf das gespeicherte Hologramm projiziert, um Übereinstimmungen zu finden. (Detlef Borchers) / (jk)