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Bitcoin-Konferenz bei der Bundesbank: Tanz um die Blockchain

Das Konzept von Kryptowährungen, allen voran Bitcoin fasziniert Finanzexperten. Zu einer Fachkonferenz in Frankfurt schickten die Banken nun aber nur ihre Forscher.

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Bitcoin-Konferenz bei der Bundesbank: Tanz um die Blockchain

(Bild: heise online/Torsten Kleinz)

Welche Impulse bieten Kryptowährungen für das Finanzsystem und den Geldverkehr der Zukunft? Banken als auch Regulierer entdecken das Prinzip hinter Bitcoin mittlerweile als potenzielle Revolution, vor der Kunden nicht nur geschützt werden müssen. Bei dem Workshop P2P Financial Systems 2015 in den Räumen der Bundesbank in Frankfurt wurde die Frage am Donnerstag und Freitag kontrovers diskutiert. Einigkeit herrscht aber bei der Diagnose, dass die Finanzbranche sich nicht allzu schnell umstellen kann.

Einen differenzierten Blick auf Bitcoin warf David Andolfatto, Leiter der Forschungsabteilung der Federal Reserve Bank of St. Louis. "Ich glaube, dass Bitcoin ein sehr gutes Zahlungssystem ist", sagte der Wirtschaftswissenschaftler. Doch bei anderen Geldfunktionen versage Bitcoin derzeit noch. So seien die Schwankungen im Kursverlauf der Kryptowährung erheblich höher als zum Beispiel beim Goldkurs oder dem Wechselkurs zwischen Euro und US-Dollar.

Auch sei Bitcoin in der derzeitigen Ausgestaltung keineswegs so billig wie es den Anschein habe. Zwar seien bei normalen Geldtransfers keine Gebühren fällig, wenn der Kunde Wartezeiten von mehreren Tagen tolerieren könne. Doch die Kompensation der Miner, die zum Betrieb des Bitcoin-Systems unerlässlich sind, betrage heute bereits 2,5 Prozent der erzeugten Bitcoins. Wie sich diese Verwaltungsgebühr in Zukunft entwickele sei derzeit offen.

Staatsknete: David Andolfatto stellte sein Konzept eines Zentralbank-Coins vor.

(Bild: heise online/Torsten Kleinz)

Auch sei Bitcoin nicht so dezentral, wie es Enthusiasten gerne behaupteten – die Programmierer der Bitcoin-Software übernähmen in gewisser Weise die Rolle von Zentralbankern, indem sie die Generierung von Bitcoins regulieren und für die Vertrauenswürdigkeit des Zahlungssystems einstehen. Miner-Koalitionen verhielten sich wie Großbanken. Doch das Bitcoin-Konzept der verteilten Datenbank, der sogenannten Blockchain, sei eine geniale Idee mit einem enormen Potenzial, die Finanzwelt zu verändern.

In Frankfurt stellte der Zentralbank-Angestellte deshalb das Konzept der "FEDcoin" vor – ein auf dem US-Dollar basierendes Bitcoin-Derivat, das von der US-Zentralbank herausgegeben werden könnte. Das Konzept wird in der Bitcoin-Szene schon länger diskutiert und hat nach Andolfatto großes Potenzial. Die Zentralbank als Herausgeber einer Kryptowährung könne einen festen Wechselkurs zum Dollar garantieren. So müsste kein Unternehmer das Risiko tragen, wenn er seine Einnahmen in der Kryptowährung abrechnet und seine Zulieferer in US-Dollars bezahlen müsse. Zudem könnte die Zentralbank einen laufenden Nachschub neuer Kryptowährung garantieren. Bitcoin hingegen ist auf maximal 21 Millionen Geldeinheiten festgelegt und unterliegt somit deflationären Tendenzen und starken Kursschwankungen.

FEDcoin könnte als Bargeld-Äquivalent verwendet werden, glaubt Andolfatto. Deshalb plädierte er auch dafür, dass sich der Staat bei einer eigenen Kryptowährung mit dem Datenspeichern zurückhalten solle -- schließlich müssten Geschäfte auch nicht die Identität von Barzahlern abspeichern. Damit stellt sich der Ökonom gegen einige US-Regulierer. So besteht zum Beispiel die Finanzaufsicht des US-Bundesstaates New York darauf dass Kryptogeld-Zahlungen nicht anonym abgerechnet werden dürfen, Unternehmen sollen die Kundendaten gar für zehn Jahre speichern.

Bitcoin, die digitale Währung

Die virtuelle Währung Bitcoin auf dem Weg ins reale Leben: An speziellen Börsen kann man Bitcoins kaufen und verkaufen, diverse Online-Händler und Läden akzeptieren Bitcoins als Zahlungsmittel, erste Bitcoin-Geldautomaten werden aufgestellt.

Solche Konzepte wie FEDcoin sind vorerst aber nur Gedankenspiele. "Ich habe mit niemandem bei meinem Arbeitgeber darüber gesprochen", betonte Andolfatto. Seiner Forschungsabteilung werde große Freiheit eingeräumt und er spreche nicht für die US-Zentralbank, zu der sein Arbeitgeber gehört. Auch die Bundesbank, in deren Gebäude der Workshop abgehalten wurde, distanzierte sich schon im voraus von der Konferenz: Die eigene Forschungsabteilung sei lediglich einer von mehreren Veranstaltern, man selbst werde keinerlei offizielle Aussagen zum Bitcoins oder ähnlichen Themen treffen, betonte eine Sprecherin gegenüber heise online. Im Frühjahr 2014 hatte sich ein Bundesbank-Vorstand kritisch zu Bicoin geäußert.

Die real existierenden Bitcoin-Geschäfte beschäftigen inzwischen die Regulierer in vielen Ländern – allerdings mit unterschiedlichsten Ergebnissen, wie Constanze Choi beklagte. Die Anwältin ist Mitgründerin der Lobby-Organisation Digital Asset Transfer Authority (DATA), die sich um gesetzliche Rahmenbedingungen bemüht, die Geschäfte mit Kryptowährungen begünstigen. Hier sieht es derzeit schlecht aus: Mal würden Behörden des gleichen Landes Bitcoins als Anlageobjekt und dann wieder als Zahlungsmittel qualifizieren und damit Geschäfte mit der Kryptowährung gleich doppelt regulieren. Der Kostenvorteil der Bitcoin-Abwicklung gehe so ohne Grund verloren. "Die Befürchtungen der Regulierer haben nichts mit dem zu tun, was die Startups im Bitcoin-Markt tatsächlich vorhaben", betonte Choi. Das Interesse an solchen Startups ist riesig: So steckten Venture-Capital-Firmen allein im vergangenen Jahr einen dreistelligen Millionenbetrag in Startups rund um Bitcoins.

Choi betonte das noch ungenutzte Potenzial von Bitcoin-Anwendungen. So ist in der Kryptowährung schon eine rudimentäre Scriptsprache enthalten. Dieses würde automatische Transaktionen ermöglichen – so genannte "smart contracts" könnten Verträge automatisieren und somit die Kosten von Geschäftsabwicklungen drastisch reduzieren. Als Beispiel nannte Choi eine Crowdsourcing-Plattform, bei der die Unterstützer automatisch ihr Geld zurückbekommen, wenn der vereinbarte Mindestbeitrag nicht erreicht werde und das Projekt deshalb nicht verwirklicht werde. Doch solche Endkundengeschäfte sind bei solchen "smart contracts" eher Nebensache – im Konzerngeschäft verspricht das Konzept Milliardeneinsparungen.

Solchen verheißungsvollen Prognosen wollten sich in Frankfurt jedoch nicht alle anschließen. So betonte Iddo de Jong von der Europäischen Zentralbank, dass Bitcoins zwar keine Gefahr für Preisstabilität und das Geldsystem bedeuteten. Dennoch sei der derzeitige Hype um Kryptowährungen kaum nachzuvollziehen. "Ich habe bisher keinen Beleg dafür gesehen, dass eine der mittlerweile 450 Bitcoin-Alternativen tatsächlich zur Zahlung verwendet werde." Stattdessen nutzten Geschäftemacher die momentane Begeisterung, um Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. (Torsten Kleinz) / (axk)

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