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Bitkom-Trendkongress: Die Innovation trägt nicht mehr Anzug

Zum dritten Mal hat der Bitkom Vertreter von Old und New Economy eingeladen, um den Trends der enorm schnell drehenden Informationstechnologie nachzuspüren.

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(Bild: Bitkom)

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Es geht um die Zukunft. Die Frage, wohin das alles führen soll, wird auf dem Bitkom Trendkongress oft gestellt. Zum dritten Mal nach 2012 und 2013 hat der Branchenverband Vertreter von Old und New Economy nach Berlin eingeladen, um den Trends der enorm schnell drehenden Informationstechnologie nachzuspüren – und Antworten auf die Frage zu finden, wie der Weg in diese Zukunft gestaltet werden soll.

"Der Trendkongress versteht sich als Plattform, auf der die verschiedenen Aspekte des digitalen Wandels in Wirtschaft und Gesellschaft diskutiert werden", sagte Bitkom-Präsdient Dieter Kempf zum Auftakt der Veranstaltung am Dienstag in Berlin. "Dieser Wandel mit seinen disruptiven Prozessen weckt Hoffnungen und Ängste, birgt Chancen und Risiken, schafft Gewinner und Verlierer."

Zu den Verlierern will niemand gehören. Unter der Oberfläche des ungebremsten Technik-Optimismus ist bei den Vertretern der Old Economy die Sorge spürbar, von der Entwicklung überrannt zu werden – oder von US-Unternehmen, die unter anderen Bedingungen extrem wachsen und neue Geschäftsmodelle nach Europa exportieren, während dort noch darüber debattiert wird, ob und wie das geht.

Dana Eleftheriadou von der EU-Kommission.

(Bild: heise online/vbr)

Um die europäische Wirtschaft im Wettbewerb mit den USA zu stärken setzt die EU-Kommission darauf, den vereinten europäischen Markt in die Digitalsphäre auszuweiten. "Der digitale Binnenmarkt hat oberste Priorität", erklärt Kommissionsvertreterin Dana Eleftheriadou auf dem Trendkongress. Sie beziffert das ungehobene Potenzial des Einheitsmarktes auf 250 Milliarden Euro über fünf Jahre.

Darüber hinaus will Brüssel einzelne europäische Unternehmen – vor allem im Infrastrukturbereich – für den globalen Wettbewerb stärken. "In den USA gibt es nur eine Handvoll Telcos, in Europa über 200", haut Arvato-CEO Achim Berg in diese Kerbe. "Wir brauchen keine 200 Telcos." Doch der Plan der Kommission, durch gezielte Politik "europäische Champions" – zum Beispiel unter den Netzbetreibern – zu schaffen, stößt vor allem auf nationaler Ebene auf Kritik.

Auch mit den Daten, die durch die schönen neuen Netze transportiert werden, beschäftigt sich die Branche. Einerseits geht es darum, die Daten – von Verbrauchern und Unternehmen – gegen unberechtigten Zugriff zu sichern. Da tun viele europäische Unternehmen noch zu wenig, meint Udo Helmbrecht von der Europäischen Agentur für Netz- und Informationssicherheit (ENISA). Das Thema IT-Sicherheit habe noch nicht den Stellenwert, den sie verdiene.

Andererseits versprechen die Datenberge auch neue Anwendungen und Geschäftsmodelle, die mit dem Datenschutz in Einklang gebracht werden müssen. Und die Unternehmen selbst müssen sich intern neu aufstellen, um das Potenzial von "Big Data" ausschöpfen zu können, meint Matthias Behrens vom IT-Anwenderverband Voice.

Trendforscher Nick Sohnemann kam nicht in Grau.

(Bild: Bitkom)

Nachholbedarf hat Europa auch in der Nachwuchsförderung, da sind sich viele Beobachter einig. Die Ausbildung sei zu sehr auf den sicheren Job in einem großen Unternehmen ausgerichtet, beklagt Kai Haller, Gründer des Startups Mediatest Digital. Unternehmertum sei in der Schule kein Thema. Und wenn junge Menschen trotzdem den Sprung in die Selbständigkeit wagen, haben sie es in Europa schwer, ohne Investitionen aus Übersee zu überleben.

"Wir müssen uns fragen, warum wir in Europa nicht selbst in Startups investieren", meint Haller und gibt eine Antwort selbst: Jenseits des Atlantiks herrscht eine andere Risikokultur, für die Versagen ein Teil des Lernprozesses sei und kein Stigma. Aber es gibt noch einen kulturellen Unterschied: "Amerikanische Investoren investieren, um zu verkaufen und wieder zu investieren", beschreibt Ericssons Europachef Valter D'Avino das US-Investorenmodell. "Wir machen das hier nicht."

Auch der Bitkom leistet seinen Beitrag zur Nachwuchsförderung. Auf dem Trendkongress ist ein ganzer Track für Startups reserviert, auch ein Wettbewerb um einen Investoren-Pitch steht auf dem Programm. Die zahlreichen Startupper lockern den Kongress auch optisch auf, denn immer noch dominiert das gedeckte Tuch. "Ich sehe, die Innovation trägt hier dunklen Anzug", bemerkt Trendexperte Nick Sohnemann. Für das Publikum ist das noch selbstverständlich. Doch auch das wird sich ändern, in Zukunft. (vbr)