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Blade Runner: Das Kult-Desaster

Blade Runner: Das Kult-Desaster

Am Donnerstag kommt mit "Blade Runner 2049" die Fortsetzung eines Science-Fiction-Klassikers ins Kino – ein guter Anlass für einen frischen Blick auf das Original.

"Blade Runner" war ein Desaster. Die Zuschauer hatten ein bisschen fluffige Sci-Fi-Action erwartet – dafür stand nicht zuletzt Harrison Ford, dessen Karriere nach "Star Wars" und "Raiders of the Lost Ark" gerade richtig abhob. Was Ridley Scott ihnen bei den ersten Testvorführungen servierte, war eine sehr dunkle und elegische Reflexion über die Essenz der Menschlichkeit und die ethischen Herausforderungen des technischen Fortschritts. Die Leute waren verwirrt.

Im Studio schrillten die Alarmglocken. Rund 28 Millionen US-Dollar hatte Blade Runner gekostet, deutlich mehr als "Star Wars" oder "Raiders" – "Blade Runner" war zum Erfolg verdammt. Das Studio verpasste der von Scott abgelieferten Fassung einen erklärenden Off-Kommentar und ein weniger offenes Ende mit Luftaufnahmen, die von Dreharbeiten zu Stanley Kubricks "The Shining" übrig waren. Gerettet hat das den Film nicht, "Blade Runner" konnte die Kritiker zunächst nicht elektrisieren und blieb auch an der Kinokasse hinter den Erwartungen zurück.

Trotzdem ist "Blade Runner" heute Kult. Das liegt auch an der Karriere, die Scotts SF-Meisterwerk nach der enttäuschenden Kinoauswertung auf einem neuen Medium vergönnt war: Auf Video war "Blade Runner" ein echter Hit. Für Genrefreunde war die Videothek in den 1980er und 90er Jahren ein Quell ewiger Freude. Nicht nur bekamen an der Kinokasse gefloppte Filme eine zweite Chance, Video ermöglichte ganz neue Finanzierungsmodelle. Genrefilme durften dank einem zweiten Leben in der Videothek kantiger und R-rated sein, viele wurden direkt für den Videomarkt produziert.

Heute sind sich die Kritiker einig: "Blade Runner" ist einer der besten Science-Fiction-Filme, gar einer der besten Filme aller Zeiten. Aber wie das so ist: Themen und Sehgewohnheiten ändern sich. Nicht immer hält sich so ein Klassiker auch über Jahrzehnte. Manchmal ist das, was man 1982 ganz toll fand, 35 Jahre später fast ein bisschen peinlich. Am Donnerstag kommt mit "Blade Runner 2049" eine Fortsetzung ins Kino – ein guter Anlass für einen frischen Blick auf das Original.

Dabei fällt zuerst auf, wie noir Blade Runner ist: Ein desillusionierter Ex-Cop im Trenchcoat, ein korrupter Industriemagnat, eine rauchende Femme Fatale. Zieht man die Science ab, bleibt Fiction wie aus den Romanen von Dashiell Hammett oder Raymond Chandler. Insofern geht der aufgepfropfte und vielgescholtene Off-Kommentar der ersten Kinofassung fast als genretypisch durch.

"Blade Runner" greift Motive aus Philip K. Dicks Roman "Do Androids Dream of Electric Sheep?", der wie John Brunners "The Shockwave Rider" als einer der Ur-Texte des Cyberpunk[3] gilt, einer dystopischen Variante der Science Fiction[4]. Der Filmtitel ist einer SF-Novelle von William S. Burroughs entliehen, dem im Abspann für die Nutzung gedankt wird. Scott reduziert Dicks Roman auf die Jagd nach Androiden: Der Ex-Cop Rick Deckard (Harrison Ford) wird noch einmal aktiviert, um ein paar aus den Kolonien auf die Erde geflohene Replikanten zu jagen und "in Rente zu schicken".

Nur haben die neuen Modelle der Baureihe "Nexus 6" ein Bewusstsein entwickelt und wollen sich nicht einfach abschlachten lassen. In der Konfrontation mit dem Replikanten Roy Batty (Rutger Hauer) lernt Deckard viel über Menschlichkeit und brennt schließlich mit dem Androiden Rachael (Sean Young) durch. Über all dem schwebt die Frage, ob Deckard nicht selbst ein Replikant ist.

Der Trailer für den 2007 erschienenen "Final Cut". – Quelle: Warner Bros.

Während diese Geschichte für heutige Sehgewohnheiten vielleicht etwas zu behäbig erzählt wird, hat sich "Blade Runner" ansonsten ziemlich gut gehalten. Das liegt auch an der Tricktechnik, die mit den heute üblichen Computereffekten – abgesehen von einigen Ausnahmen – immer noch mithalten kann. Der detailversessene Scott, sein Kameramann Jordan Cronenweth sowie das große Kreativteam um Syd Mead, Richard Yuricich und Douglas Trumbull haben mit analogen Techniken wie Matte Painting und Modellbau eine visuelle Welt geschaffen, die das Genre bis heute prägt.

Die für viele Requisiten verwendete Bildröhrentechnik wirkt etwas angestaubt, auf Millennials aber vielleicht fremdartig genug für einen SF-Film. Das gilt auch für die vor 35 Jahren vertrauten Markenzeichen, die das futuristische, multikulturelle Los Angeles des Jahres 2019 (in dem es viel regnet) prägen: Pan-Am, TDK, RCA.

Visuell ist "Blade Runner" auch ein Beispiel für die Ästhetik, mit der junge britische Werbefilmer[5] wie Scott, sein Bruder Tony, Adrian Lyne oder Alan Parker den eher steif inszenierten Hollywoodproduktionen der späten 1970er einen ganz neuen Look verpassten und die MTV-Ära[6] maßgeblich beeinflussten. Auch die jungen Briten bedienen sich beim Film Noir: Gegenlicht, das durch Jalousien und Rauchschwaden fällt, prägt die visuelle Landschaft von Deckards Appartement[7] und dem Tyrell-Tower ebenso wie Mickey Rourkes Wohnung in "9 1/2 Weeks".

Unterlegt sind die opulenten Bilder mit dem Synthesizer-Soundtrack von Elektro-Pionier Vangelis. Auch der wirkt 35 Jahre später noch ziemlich frisch – vielleicht liegt das auch an der Renaissance, die analoge Synthesizer in den vergangenen Jahren erlebt haben. Der "Blade Runner"-Soundtrack ist geprägt vom Yamaha CS-80, einem der ersten mehrfach polyphonen Synthesizer der 1970er.

Vangelis improvisiert auf dem Yamaha CS-80.

Mit Remakes und Reboots will Hollywood an vergangene Erfolge anknüpfen und die eigene kreative Krise übertünchen. Gerade bei Genrefilmen mit einer harten Fanbase ist das nicht ohne Risiko. Die Reaktionen auf die neue Generation "Star Wars" und "Star Trek" sind gemischt, das Remake von "Total Recall" ist durchgefallen. Bei Klassikern wie "Blade Runner" ist die Fallhöhe enorm, zumal sich das Original so gut gehalten hat und angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen in KI und Robotik so aktuell ist wie nie. Ein paar hübsche neue Effekte werden für Blade Runner deshalb nicht reichen. Bei Denis Villeneuve ist das Material zumindest in guten Händen. Bleibt die Frage, ob man Opa Deckard unbedingt sehen will.

Zur Einstimmung ist ein Videoabend mit dem Original auf jeden Fall zu empfehlen: Der alte "Blade Runner" hat kaum etwas von seiner Faszination und Relevanz verloren.

Die andere Geschichte von "Blade Runner" ist die der künstlichen Fesseln, mit denen die Rechteinhaber den Zukunftsmarkt Videostreaming noch bremsen. "Blade Runner" ist bei den Streaming-Anbietern hierzulande nur in der von Scott autorisierten "Final Cut"-Fassung (die mit dem Einhorn) erhältlich – und das auch lediglich als deutsch synchronisiertes Kaufvideo, nur bei wenigen Anbietern gibt es auch die englische Originalfassung. Andere Versionen oder gar die interessanten Extras der verschiedenen DVD/Blu-ray-Ausgaben von Blade Runner[8] gibt es nach wie vor nur auf einer Scheibe. Zukunft geht anders.

Trailer für "Blade Runner 2049" – Quelle: Alcon Entertainment, Warner Bros., Columbia Tristar

(vbr[9])


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[3] https://www.heise.de/meldung/Ghost-in-the-Shell-Die-Renaissance-des-Cyberpunk-3668390.html
[4] https://www.heise.de/meldung/Berlinale-Retrospektive-Die-kaputte-Zukunft-im-Science-Fiction-3621375.html
[5] https://www.theguardian.com/film/2007/aug/24/1
[6] https://www.heise.de/meldung/MTV-Jubilaeum-25-Jahre-Fernsehen-fuer-Vollidioten-147659.html
[7] http://www.br9732.com/
[8] https://www.heise.de/preisvergleich/?fs=blade+runner&cat=blufscifi&hocid=newsticker&wt_mc=intern.newsticker.textlink-pvg.pvg_unbekannt
[9] mailto:vbr@ct.de