Menü

Blogger stehlen John Kerry die Schau

vorlesen Drucken Kommentare lesen 60 Beiträge

30.000 Augen von 15.000 Berichterstattern richten sich live und vor Ort vom heutigen Montagabend an auf den Parteitag der demokratischen Partei in Boston. Geht es doch um die Kür des US-Senators John Kerry zum Kandidaten für die Präsidentschaftswahl Anfang November -- und damit um den politischen Kurs der Supermacht. Mit Spannung wird erwartet, wie der Vietnam-Veteran sich zum Abschluss des Events am Donnerstag gegenüber dem republikanischen Amtsinhaber George W. Bush in Szene setzt. Die erwartete Show ist für viele der akkreditierten Medienbeobachter aber letztlich ein Routine-Großereignis. Nicht so für über 30 Blogger, die erstmals offiziell zur Berichterstattung in ihren Web-Journalen eingeladen wurden und zusammen mit den Radiojournalisten direkt vom Versammlungsort aus, dem gigantischen FleetCenter, ihre Kommentare auf die Zelebrierung der Nominierung abgeben.

Die Betriebsamkeit bei den Auserkorenen ist groß. "Ich bin aufgeregt", freute sich Byron L., einer der zugelassenen Blogger des Burnt Orange Report, am Sonntagabend bereits auf das gemeinsame, von den Demokraten gesponserte Frühstück mit den anderen unabhängigen Netzschreibern. Das Entern der Party mit Größen wie Ex-Präsident Bill Clinton und dem für seinen Online-Wahlkampf berühmt gewordenen Beinahe-Kandidaten Howard Dean habe zwar nicht geklappt. Doch dafür berichtet Mitstreiter Karl-Thomas Musselmann, mit 19 Jahren der jüngste Wahlmann des Parteitags, stolz von der bereits 24. Medienanfrage über seine Bloggererfahrungen. Beim "Command Post" sorgt sich die Crew dagegen über eine Meldung, dass auf "60 ernsthafte Kaffee-Trinker" im Medienzentrum nur eine Toilette kommt, was auch gleich anschaulich unterlegt wird. Andere Blogger probieren ihre Ausrüstung zum Video-Blogging an "verstörten Anti-Abtreibungsdemonstranten" aus.

Ab heute Abend soll es ernsthaft zur Sache gehen -- der Erwartungsdruck ist hoch. Neben der BBC hat auch die New York Times vorab einen Blick auf das historische Medienereignis der ersten von Bloggern unter die Lupe genommenen Nominierungsfeier geworfen. Das renommierte Blatt findet zwar einen Medienprofessor, der sich sorgt, dass die Blogger den "Professionalismus" der Presse attackieren. Doch ansonsten freuen sich die Zeitungsschreiber auf das "respektlose Auge", das die Webautoren auf das Geschehen zu werfen versprechen. Zumindest würden diese mit dem Anspruch antreten, auch über Kleinigkeiten zu berichten, die den Massenmedien entgehen. Und über den Klatsch hinter den Kulissen.

Vorschusslorbeeren verteilt auch der Vorsitzende des Journalismusinstituts der New York University, der selbst zur Zunft gehörende Jay Rosen: Ihm zufolge bringen die Blogger all das zurück in die Infosphäre, was die Profi-Journalisten daraus entfernt haben. Das ist für ihn vor allem ein Gespür für die Leserschaft und ein nicht berufszynisch verschleiertes Interesse an der Politik. Der Nachrichtensender CNN hat derweil angekündigt, die eifrigen Webkommentatoren zum festen Bestandteil ("BlogWatch") seiner Parteitagsberichterstattung zu machen. Dabei kooperiert er mit dem Linkportal Technorati, das gerade eine politische Übersichtssite gestartet hat.

Damit beim Webpublikum der Überblick über den rasanten Ausstoß der Amateure nicht verloren geht, hat Blog-Veteran Dave Winer ein Portal mit den RSS-Feeds der "Convention Bloggers" eingerichtet. Dort ist auch das "Hausblog" der Parteitagscrew verlinkt. Um die Aufmerksamkeit der Surfer rund um das Event konkurriert ferner der Sender MSNBC: Er hat sein politisches Moderatorenteam zum "Hardbloggen" verpflichtet und um prominente Experten erweitert. Im Boot ist auch Joe Trippi, ehemaliger Wahlkampfleiter der Dean-Kampagne. Der Manager vertritt trotz des Scheiterns seines Kandidaten die Meinung, dass die seiner Meinung nach bevorstehende politische Revolution nicht mehr im TV übertragen wird, sondern sich in der Blogosphäre abspielt.

Zum Parteitag der Demokraten in Boston siehe auch in Telepolis:

(Stefan Krempl) / (jk)