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Bodycams am Bahnhof: "Runterfahren", wenn die Kamera läuft

Die Bahn hat in Frankfurt Bodycams bei ihrem Sicherheitspersonal eingeführt. In der Praxis sollen die Körperkameras deeskalierend wirken.

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Bodycams am Bahnhof: "Runterfahren", wenn die Kamera läuft

(Bild: Deutsche Bahn AG / Pablo Castagnola)

Gleich am ersten Tag muss die Kamera an der Brust von Simon Mauthe sich bewähren. Der Teamleiter des Einsatzteams am Frankfurter Hauptbahnhof will einen Betrunkenen aus der B-Ebene lotsen. In dem Zwischengeschoss zwischen den Fernzügen oben und den S- und U-Bahnen unten halten sich oft unliebsame Gäste auf: Drogenabhängige und Dealer, Obdachlose und Betrunkene. Neben der Polizei gehen auch Mitarbeiter der DB Sicherheit hier auf Streife.

Der alkoholisierte Mann will sich nicht in Bewegung setzen, er wird immer lauter, erzählt Mauthe. Der Mann trägt eine Jacke über dem Arm, irgendwann behauptet er, darunter sei eine Waffe. "Ich habe ihm erklärt, dass ich jetzt die Kamera einschalte", erzählt der Sicherheitsmann, "da hat er direkt das Weite gesucht". Seit Anfang September sind am Frankfurter Hauptbahnhof Sicherheitskräfte der Deutschen Bahn mit Bodycams unterwegs. Die so ausgestatteten Kollegen tragen neongelbe Westen mit der Aufschrift "DB Sicherheit Video" auf dem Rücken. 90 Mitarbeiter wurden bisher im Umgang mit dieser Technik geschult.

Die Kamera werde nur eingeschaltet, wenn es zu einer brenzligen Situation kommt – und nach deutlicher Ankündigung, erklärt Joe Kanyi, der für die Mitarbeiter des Sicherheits- und Ordnungsteams am Frankfurter Hauptbahnhof zuständig ist. Zugriff auf das Material habe nur die Bundespolizei. Das Video werde verschlüsselt an die Leitstelle gesandt und von dort bei Bedarf weitergeleitet. Nach 24 Stunden würden die Aufzeichnungen gelöscht.

Frankfurt ist nach Berlin, Köln, Nürnberg und Hamburg die fünfte Stadt, in der die DB Sicherheit Minikameras an Bahnhöfen einführt. "Bodycams sichern Beweismaterial oder schützen vor Angriffen", sagt Hans-Hilmar Rischke, Sicherheitschef der Deutschen Bahn. "Das bedeutet mehr Sicherheit für DB-Mitarbeiter und Bahnkunden." Die Erfahrungen in anderen Städten seien "durchweg positiv", ergänzt Rischke: "Sicherheitsteams mit Bodycam wurden nicht angegriffen."

Ansonsten erleben die Mitarbeiter an dem Verkehrsknotenpunkt immer wieder unschöne Szenen. "2017 sind in Hessen knapp 210 Angriffe auf Mitarbeiter der DB registriert worden", berichtet ein Bahn-Sprecher. In rund zwei Dritteln der Fälle gehe es um die Durchsetzung des Hausrechts und um Ärger bei Fahrscheinkontrollen. "Schwere Verletzungen sind zum Glück die Ausnahme", sagt der Sprecher.

Neben den Bodycams, die nach und nach an großen Bahnhöfen eingeführt werden, sollen auch Diensthunde, personelle Verstärkung und Deeskalationstraining helfen, Aggressionen zu begegnen. Dass die Kameras Angreifer abschrecken, liegt nach Einschätzung der Sicherheitskräfte am Frankfurter Hauptbahnhof an dem kleinen Monitor unter der Linse: Der Gefilmte sieht selbst, was er gerade tut.

Der Einsatz dieser Technik wurde in Hessen erstmals erprobt. Nach einer Pilotphase 2013 wurden die Kameras 2015 landesweit eingeführt. Mittlerweile werden sie bundesweit eingesetzt – und in Hessen weiter ausgebaut: Im Februar kündigte Innenminister Peter Beuth (CDU) an, die Zahl der Bodycams bei der Polizei im Laufe des Jahres von rund 100 auf etwa 400 zu erhöhen.

Die Polizei hat nach eigenen Angaben "sehr gute Erfahrungen" damit gemacht, wie Andrew McCormac sagt, Sprecher des Polizeipräsidiums Frankfurt: "Es hat sich gezeigt, dass Personen, die aggressiv sind, runterfahren, wenn sie die Kamera sehen." Am häufigsten zum Einsatz kämen Bodycams bei der Polizei in der Frankfurter Innenstadt im Ausgehviertel Alt-Sachsenhausen.

Die Mehrheit der Deutschen findet Bodycams bei Sicherheitskräften gut. Bei einer Umfrage 2015 befürworteten 71 Prozent diese Technik "voll und ganz" oder zumindest "eher", wie eine repräsentative Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov ergab. Auch die Reisenden im Frankfurter Bahnhof hätten bisher "ausschließlich positiv" reagiert, sagen die Projektverantwortlichen. (Sandra Trauner, dpa) / (olb)

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