Menü

Böll-Stiftung macht sich für "Open Innovation" stark

vorlesen Drucken Kommentare lesen 189 Beiträge

Die Heinrich-Böll-Stiftung will im "Jahr der Innovation" die Debatte um das Lieblingsthema der Bundesregierung mit ungewohnten Akzenten bereichern. Im Rahmen der Konferenz "Open Innovation!" plant die Denkfabrik der Grünen Mitte September der Frage auf den Grund zu gehen, "in welchem Maße erfolgreiche Innovationspolitik die besonders in Deutschland unübersehbaren Schwächen des industriegesellschaftlichen Innovationsparadigmas durch partizipative kooperative Wissenspolitik überwinden helfen kann." Es sei verständlich, heißt es im programmatischen Einführungstext der Tagung, dass die Berliner Politik in einer schwierigen Gegenwart zu einer "Innovationsoffensive" aufrufe und auf eine bessere Zukunft setze. Innovationen seien schließlich im modernen Verständnis mit Hightech -- dem vermeintlichen Inbegriff des Fortschritts -- verbunden. Aber so wie jede Generation neu bestimmen müsse, wohin sie will und wie ihre Zukunft aussehen soll, gelte es, auch für "Innovation" selbst ein innovatives Konzept zu entwickeln.

Als neues Leitbild schweben der Böll-Stiftung "Prinzipien und Strukturen der Netzwelten" vor. Das Internet habe die Rolle eines "Leitmediums der Wissensgesellschaft" eingenommen, sei aus der Forschung und Bildung nicht mehr wegzudenken und fördere die Umsetzung von Erfindungen in Produkt- und Prozessinnovationen. Gleichzeitig betone es die "aktive und verantwortliche Beteiligung der Menschen". Dass die Netzwelt auf offenem Zugang, offenen Standards und einer dezentralen Architektur aufbaue, schaffe die Grundlage für einen "Wettbewerb auf der institutionellen und systemischen Ebene in Form neuartiger Kooperationsnetzwerke, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle". Dabei würden die Surfer aus eigenem Antrieb zu Entwicklungen beitragen, diese austauschen und so von sich aus Innovationen auslösen.

Inwieweit die aus dem Geist des Internet geförderte "Open Access"-Bewegung im Wissenschaftsbereich und das Austausch- und Kooperationsmodell der Netzbürger insgesamt ein Vorbild für Innovationen im wirtschaftlichen und sozialen Bereich sein kann, soll auf der Konferenz diskutiert werden. Dabei gehen die Veranstalter davon aus, dass das uneingeschränkte Festhalten an Urheber- und Patentrechten als den traditionellen Mitteln zur Sicherung des "geistigen Eigentums" über die Gewährung zeitlich befristeter Monopolrechte "Informationskriege" ausgelöst hat und sich die privaten Eigentumsansprüche oft entgegen ihrer ursprünglichen Bestimmung als Innovationshemmnis erweisen. Ganz im Gegenteil zur Bundesregierung, die gerade in der hitzigen Debatte um die Ausweitung des Patentsystems auch auf Software immer wieder die klassische Position vertritt und sich damit die Haltung großer Konzerne zu eigen gemacht hat.

Besonders spannend dürfte in dieser Hinsicht das Panel zum "zukunftsfähigen Wirtschaften" am zweiten Konferenztag sein. Dort werden unter anderem die Chef-Lobbyistin von Microsoft in Brüssel, Marie Therese Huppertz, sowie der ausgewiesene Softwarepatentkritiker Florian Müller, Berater für MySQL, aufeinander treffen. Gleichzeitig wird die Züricher Forscherin Margit Osterloh Open Source als "kollektives Innovationsmodell" vorstellen. Der Hauptvortrag kommt von Lawrence Lessig, Rechtswissenschaftler an der Stanford University und langjähriger Kämpfer gegen die Auswüchse des Systems intellektuellen Eigentums. Er wird über die "Zukunft der Innovation" sprechen. Daneben werden unter anderem die grundlegenden Prinzipien der Netzkommunikation als die "Infrastruktur der Allmende" sowie der "Innovationsherd E-Demokratie" beleuchtet. Auf der Abschlussdiskussion sollen Vertreter aus Wirtschaft, Politik und von Gewerkschaften "Anforderungen an eine nachhaltige Wissens- und Innovationspolitik für das 21. Jahrhundert" umreißen. (Stefan Krempl) / (jk)