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Boom beim Ökostrom bringt Energieriesen in die Klemme

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Auf die Ökostrom-Umlage ist Bernhard Günther in diesen Tagen nicht gut zu sprechen: "Die ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los", zitiert der Finanzvorstand des zweitgrößten deutschen Strom- und Gaskonzerns RWE bei der Vorlage der Halbjahresbilanz aus Goethes Zauberlehrling. Grüner Strom aus Sonne und Wind hat bei der Einspeisung ins Netz Vorrang, so sieht es das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vor. Der Ökostrom fließt – und ist nicht mehr zu stoppen.

Der Boom drückt die Stromgroßhandelspreise in den Keller und verteuert die Energie für die privaten Verbraucher. Denn sie müssen am Ende der Kette die EEG-Umlage zahlen. Gleichzeitig schrumpfen die Margen in der konventionellen Stromerzeugung oder sie verkehren sich sogar ins Negative. Die Halbjahreszahlen der Branchenriesen belegen das.

Doch Blockierer wollen die Stromriesen nicht sein. "Damit ich nicht falsch verstanden werde", beteuert Eon-Chef Johannes Teyssen, "ich sage Ja zur Energiewende". Doch sie müsse so effizient wie möglich gestaltet werden. Ob Eon oder RWE, für die Konzerne läuft die Energiewende viel zu schnell, die Einspeisung von regenerativer Energie in die Netze bringt sie in die Bredouille.

Hauptproblem: Die konventionelle Erzeugung, das heißt Strom aus Kohle, Gas und (noch) aus Kernkraft, wird unrentabel. Bei RWE beispielsweise hat die Stromerzeugung aus diesen Quellen im ersten Halbjahr 2013 fast zwei Drittel ihres operativen Ergebnisses eingebüßt. Viele Kraftwerke schreiben rote Zahlen.

"Wir erleben die größte Branchenkrise seit vielen Jahrzehnten", glaubt RWE-Manager Günther. Vor allem Gaskraftwerke, die zur Bewältigung von Spitzenlasten flexibel einsetzbar sind, können nicht mehr ihre Kosten verdienen. "Sie kommen nicht auf die nötige Jahresstundenzahl und damit nicht ins Geld", sagt ein Branchenkenner. Selbst die derzeit noch laufenden Kernkraftwerke würden gerade einmal die Kosten verdienen, heißt es bei RWE.

In dieser Lage sehen sich Unternehmen zunehmend zu einschneidenden Maßnahmen gezwungen: Kapazitäten müssen vom Netz. Das gilt besonders für ältere Anlagen. 3100 Megawatt sollen bei RWE stillgelegt werden, erklärte das Unternehmen am Mittwoch. Konkurrent Eon hatte bereits angekündigt, Kapazitäten bis zu 11 000 Megawatt vom Netz zu nehmen.

Darüber hinaus haben die Erzeuger weitere Kraftwerke auf den Prüfstand gehoben. Und Teyssen nimmt kein Blatt vor den Mund: "Sofern sich die energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den Kernmärkten nicht ändern, werden weitere endgültige oder zumindest temporäre Stilllegungen unausweichlich sein". Ganz so einfach durchsetzbar ist eine solche Maßnahme aber nicht, es geht auch um die Versorgungssicherheit und den Schutz vor möglichen Blackouts.

Der Bundesnetzagentur liegen nach Angaben einer Sprecherin derzeit 15 Anträge auf endgültige beziehungsweise vorübergehende Stilllegungen vor. Dabei ist nicht auszuschließen, dass sich die Zahl künftig weiter erhöhen wird. Allerdings kann die Behörde eine Stilllegung untersagen, wenn ein Kraftwerk als systemrelevant eingestuft wird. Das werde derzeit von den Übertragungsnetzbetreibern geprüft, hieß es. (sybe)