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Brasilien vor der Wahl: Wer manipuliert in der Wikipedia?

Unbekannte haben mehrfach aus dem Netzwerk der brasilianischen Regierung heraus die Wikipedia-Profile kritischer Journalisten, Organisationen und Politiker manipuliert. Nach wachsendem Druck durch die lokale Presse leitet die Regierung Untersuchungen ein.

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Brasiliens amtierende Präsidentin Dilma Rousseff zählt zu den schärfsten Kritikern der NSA-Spionagetätigkeiten und tritt für Neutralität und Demokratie im Internet ein. Merkwürdige Vorfälle im eigenen Land sorgen nun für Irritation. Es geht dabei um die Manipulation von Wikipedia-Einträgen, die unter anderem direkt aus dem Netzwerk des brasilianischen Präsidentenpalastes (Palácio do Planalto) ausgelöst worden sein sollen.

Dilma Rousseff

(Bild: Roberto Stuckert Filho/Presidência da República (9CC-BY-3.0-br) )

Die Zeitung Folha de S. Paulo enthüllt dabei gleich mehrere Vorfälle aus den Jahren 2008 bis 2014, bei denen Rechner mit IP-Adressen aus Regierungsnetzwerken dazu genutzt wurden, um kritische Kommentare aus den Wikipedia-Profilen von (Ex-)Ministern der regierenden Arbeiterpartei PT zu entfernen. Gleichzeitig wurde versucht, Protestbewegungen wie das für kostenlosen Nahverkehr kämpfende Movimento Passe Libre (MPL) durch Änderungen in den Wikipedia-Artikeln in ein schlechtes Licht zu rücken.

Das Fass zum Überlaufen brachte ein nun bekannt gewordener Fall zweier Journalisten des größten Medienkonzerns Globo, die anlässlich regierungskritischer Berichterstattung im Mai 2013 mit Schmähungen und falschen Tatsachenbehauptungen in der Wikipedia bedacht wurden. Auch hier wurden die Wikipedia-Änderungen von einem Rechner aus dem Netzwerk des Planaltos ausgelöst.

Die IP-Adresse sei dem WLAN im Präsidentenpalast zuzuordnen, räumte die brasilianische Regierung ein. Weil sich zu diesem auch Fremde von außen Zugriff verschafft haben könnten, müsse der Täter nicht unbedingt aus Regierungskreisen stammen, schließlich könnten sich auch Fremde Zugang zum Netz verschafft haben. Weitere absurde Änderungen an Wikipedia-Artikeln, die die Wirtschaftszeitung Exame listet, lassen an dieser Zufallstheorie eher Zweifel aufkommen.

Angesichts des wachsenden Drucks der lokalen Presse hat die Regierung nun eine Expertenkommission eingerichtet, die in wenigstens 30 Tagen die Vorfälle untersuchen soll. Wie die Zeitung El Pais erfahren hat, will die Regierung außerdem vorerst das Editieren von Wikipedia-Artikeln aus den Netzwerken des Planalto-Palastes unterbinden. Ein brasilianischer Programmierer hat zwischenzeitlich einen öffentlichen Twitter-Account eingerichtet, der Änderungen an Wikipedia-Artikeln, die aus Netzwerken staatlicher Institutionen in Brasilien ausgelöst werden, live nachverfolgbar macht.

Brasiliens Präsidentin Rousseff, die die Wikipedia-Manipulation als "nicht statthaft" verurteilte, steht dieser Tage mehr denn je unter Druck: Die brasilianische Wirtschaft lahmt und das halbstaatliche Vorzeigeunternehmen, der Öl- und Gaskonzern Petrobras sieht sich mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert. Die Bevölkerung ist von schlechten Nachrichten entnervt und drängt deshalb in weiten Teilen auf einen Machtwechsel. Am 5. Oktober finden die nächsten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt.

Siehe dazu auch auf Technology Review:

(anw)

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