Breitband-Internet: Zwischen VDSL-Vectoring und Glasfaserausbau beginnt der Streit um Fördergelder

Kleine Provider sorgen sich darum, bei den Breitbandzielen der Bundesregierung abgehängt zu werden. Sie haben sich mit der Telekom-Technik Vectoring angefreundet, wollen dem Konzern aber keinen Freifahrtschein überlassen.

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Breitbandversorgung

Verlegung von Glasfaserkabeln

Von
  • Torsten Kleinz
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Sind Provider und Kommunen auf dem richtigen Weg, die Breitbandziele der Bundesregierung zu erfüllen? Auf dem Glasfasertag des Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM) äußerten insbesondere die Vertreter kleinerer Provider kritisch, ob es wirklich möglich und sinnvoll ist bis 2018 allen Haushalte Internetanschlüssen mit einer Bandbreite von mindestens 50 Mbit/s anzubieten.

"Kein Unternehmen – auch nicht die Telekom – wird unwirtschaftlichen Ausbau vorantreiben", warnte VATM-Präsident Martin Witt. So ergebe es keinen Sinn, den großen Unternehmen Regulierungen zu erlassen, in der Hoffnung, dass die diese neue Freiheit uneigennützig zum Bandbreitenausbau nutzten.

United-Internet-Vorstand und VATM-Präsident Martin Witt warnt vor der Dominanz der Telekom.

(Bild: Torsten Kleinz / heise online)

Einigkeit herrschte in einem Punkt: Ohne staatliche Förderung geht es nicht. Nach den Plänen der Bundesregierung sollen die Erlöse aus der Versteigerung von Mobilfunk-Frequenzen herangezogen werden, den Breitbandausbau zu finanzieren – die so genannte zweite Digitale Dividende. Doch dieser Plan wurde von VATM-Vertretern scharf kritisiert. Die Bundesregierung müsse jetzt Gelder und Vergaberichtlinien bereitstellen.

Hatten die Telekom-Konkurrenten den Ex-Monopolisten in früheren Jahren kritisiert, den Ausbau in der Fläche zu ignorieren, macht ihnen nun der Vorstoß des Bonner Konzerns in ländlichen Gebieten Sorgen. So betonen sie, dass die Telekom heute der größte Fördergeldempfänger sei. Gegenüber heise online warnte VATM-Geschäftsführer Jürgen Grützner davor, die Frequenzversteigerung an die Vergabe von Fördergeldern zu koppeln, da die Telekom sonst quasi sich selbst bezahle – das Geld, das für die Frequenzen fließe, lande schließlich wieder großteils in dem Investitionstopf des Konzerns. Andere Bieter könnten dann nicht mehr konkurrieren. Schon jetzt bekomme der Konzern bei fast allen Förderprojekten den Zuschlag, beklagten Konkurrenten.

Glasfaseranschlüsse bis in jedes Haus zu legen halten alle Branchenvertreter bis 2018 für unmöglich. Deshalb haben sich auch die im VATM organisierten Telekom-Konkurrenten mit der Vectoring-Technik des Ex-Monopolisten angefreundet, bei dem weiterhin die Kupferkabel genutzt werden. Die Provider fordern deshalb, Vectoring-Ausbau auch mit EU-Mitteln zu fördern. Bisher steht die NGA-Rahmenregelung der EU dem entgegen – diese Richtlinien werden aber derzeit überarbeitet. Die Provider spekulieren auf wesentliche Beihilfen aus Brüssel, da der neue Präsident der EU-Kommision Jean-Claude Juncker ein Infrastrukturprogramm in Höhe von 300 Milliarden Euro angekündigt hat.

Marcus Isermann, bei der Telekom für politische Interessenvertretung, warnte davor, Fördergelder auf Glasfaseranschlüsse in den Haushalten (FTTH) zu beschränken. "Der erste wichtige Schritt ist Glasfaser in die Nähe des Kunden zu bringen." Auch eine reine Förderung der Grabungskosten – die einen Großteil des Breitbandausbaus verschlingen – sei unzureichend. "Die Bundesländer haben schon erkannt, dass das nicht ausreicht", betonte Isermann.

Doch nicht jede Landeskasse ist für solche Projekte gut gefüllt. Während in Bayern jeder Bauernhof unabhängig von den Kosten mit Breitbandanschlüssen erschlossen werde, stockt der Ausbau in anderen Bundesländern. Gerade in ländlichen Gebieten seien die notwendigen Investitionen sehr hoch: "Jeder Bürgermeister weiß inzwischen, dass er sich engagieren muss", erklärte Heinrich Derenbach vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg. Doch sein Haus habe bei einer Untersuchungen von 300 Gemeinden im Schwarzwald festgestellt, dass ein Fünftel der Haushalte weiter als 500 Meter vom nächsten Kabelverzweiger entfernt liegen – also nicht für die Vectoring-Technik in Frage kommen. Um die entlegensten Haushalte zu versorgen, müssten viele neue Kabelverzweiger gebaut werden.

Einem Betreibermodell der Kommunen, bei dem Stadtwerke die Glasfasernetze in Eigenregie betreiben und andere Provider aufschalten, können weder Telekom noch die Konkurrenten viel abgewinnen – sie befürchten einen Flickenteppich unterschiedlicher Systeme. Zudem sei es dann schwer, Versorgung im Störungsfall oder Umzüge zu organisieren.

Durch die Festlegung auf 50 Mbit/s fallen auch Anbieter heraus, die in früheren Ausbaustufen entlegene Gebiete mit Funkstrecken und WLAN versorgt hatten. Die Bundesnetzagentur bemüht sich nun die Kosten für den Breitbandausbau zu senken – statt dem teuren Tiefbau ist es zum Beispiel nun auch möglich, Glasfaserkabel oberirdisch zu verlegen. "Allerdings wird kein deutscher Politiker wollen, dass man in der ganzen Republik oberirdisch Glasfaserkabel spannt", sagte Friedhelm Dommermuth, Abteilungsleiter bei der Bundesnetzagentur.

Kernproblem vieler Glasfaser-Anbieter ist: Auch wenn sie Haushalte mit Anschlüssen von über 100 Mbit/s versorgen, nehmen bisher nur wenige diese Möglichkeit wahr, sondern bleiben bei den langsameren, aber deutlich billigeren DSL-Anschlüssen. Das geringe Preisniveau für Telekommunikationsdienstleistungen ist ein Hemmnis für den Ausbau. So schwärmte Grützner geradezu von dem gelungenen Ausbau in der Schweiz, der nicht einmal einen Eingriff des Regulators gebraucht habe – allerdings bezahlten die Schweizer mit 80 bis 130 Franken pro Monat für ihren Telekommunikationsanschluss auch deutlich mehr als die deutschen Nachbarn.

Die Suche nach "Killerapplikationen", die einen Großteil der Haushalte auf Breitbandanschlüsse schwenken lasse, zeigten sich die Provider etwas ratlos. Sie hoffen darauf, dass hochauflösende Videodienste wie Netflix in immer mehr Haushalten die Nachfrage nach größeren Bandbreiten und teureren Dienstleistungspaketen vorantreibe. Andere oft zitierte Anwendungen wie Telemedizin oder Heimautomation weckt bei den Providern wenig Hoffnungen: So seien Telemedizin-Anwendungen kaum erprobt und selbst Hunderte Sensoren in einem voll vernetzten Heim würden kollektiv kaum Bandbreite benötigen. (jk)