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Briefe als Schatz: Feldpostsammlung im Internet

Im Ersten Weltkrieg schrieben zahlreiche Soldaten von der Front nach Hause. Heute ist diese Feldpost online zu lesen – und das Interesse daran groß.

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Briefe als Schatz: Feldpostsammlung im Internet

Feldpost im Schützengraben

(Bild: National Archives and Records Administration)

"Das Singen der Kugeln ist eine höchst eigenartige Musik", schreibt Wolfgang Panzer im April 1915 seiner Familie. Den Brief verfasste der 18-Jährige auf dem Bauch liegend in einem Schützengraben. Um ihn herum schießt die deutsche Artillerie. "Wie da die Luft zittert. Man hört am ganzen Himmel die Geschosse herumheulen! Ein feines Konzert!"

Der junge Soldat schrieb im Ersten Weltkrieg Briefe, wann immer es ihm möglich war. Mehr als 2100 Schreiben von oder an ihn sind aus dieser Zeit nach Angaben der Museumsstiftung Post und Telekommunikation erhalten. Davon sind 108 auch im Internet auf den Seiten von Museumsstiftung und Deutscher Digitaler Bibliothek abrufbar, samt biografischen Angaben zu den Verfassern. Insgesamt finden Interessierte dort mehr als 700 Feldpostbriefe aus den Jahren 1914 bis 1918. Hunderte weitere einsehbare Briefe stammen aus dem 19. Jahrhundert, dem Zweiten Weltkrieg und der Zeit der deutschen Teilung.

Veit Didczuneit ist Leiter der Abteilung für Sammlungen am Museum für Kommunikation (MfK) Berlin und hat die Feldpostsammlung mit aufgebaut. Sie sei gefragt, sagt er: "Keiner schreibt mehr Briefe, aber das Interesse am Brief steigt", sagt er. Die meisten Schreiben erhielt er von Nachfahren der Verfasser, ab und zu auch von Trödlern. Die biografischen Angaben zu den Soldaten kämen ebenfalls von Familienmitgliedern oder würden mühsam aus den Briefen herausgesucht.

"Es ist, als ob wir jahrelang diese unsäglichen Mühen u. Strapazen, die fürchterlichen Stunden ausgestanden, all die blutigen Opfer gebracht u. unzählige Kameraden fallen sehen u. beerdigt hätten um ein Nichts, zum Gaudium u. Vorteil der anderen", schreibt Adolf Treber am 15. September 1918 kurz vor Kriegsende an seine Familie. Da war klar, dass es bis zum Frieden nicht mehr lange dauern würde – zu dem Zeitpunkt eine "Schmach" für Treber.

Drei Wochen später hatte Treber sich wohl mit der Niederlage abgefunden. Seiner Familie schreibt er, er zweifle nicht mehr daran, dass das Deutsche Kaiserreich die Bedingungen für Waffenstillstand und Frieden akzeptieren würde, "denn dann können wir nimmer anders. Daß es für uns jetzt das einzig Richtige ist, der Ansicht bin ich auch." Treber und Panzer, die beide als Leutnant dienten, hatten Glück: Sie überlebten den Krieg und kehrten nach Hause zurück.

Von den erhaltenen Schreiben sind etwa drei Viertel von der Front an die Heimat adressiert, ein Viertel andersherum, schätzt Didczuneit. Er gehe aber davon aus, dass tatsächlich viel mehr Briefe aus der Heimat an die Front geschrieben wurden als umgekehrt. Soldaten hätten jedoch Briefe viel schlechter aufbewahren können.

In den Feldpostbriefen ist häufig von Alltäglichem die Rede: Was es zu Essen gibt, Fragen nach Neuigkeiten von zu Hause, Wetter. Aber hin und wieder geht es um die Gräuel des Krieges – oft ganz unvermittelt im selben Absatz mit Banalitäten. So erzählt Karl Stein seiner Ehefrau in einem Brief zunächst von dem Sonnenbad, das er beim Schreiben nimmt. Direkt im Anschluss heißt es: "Als wir aus der letzten Stellung kamen kriegten wir wieder mächtig Artl. Feuer, am nächsten Morgen brachten sie eine ganze Fuhre Toten alle die Köpfe abgerissen, so was Furchtbares habe ich noch nicht gesehen."

Nach Angaben des MfK Nürnberg arbeiteten im Ersten Weltkrieg mehr als 30.000 Menschen in der Kaiserlich-Deutschen Reichspost daran, fast 29 Millionen Sendungen zuzustellen. Zwischen Front und Heimat wurden nicht nur Briefe und Postkarten, sondern auch Pakete mit Büchern, und Lebensmitteln verschickt.

Die Worte der Angehörigen aber waren wohl das Wertvollste. Stein schrieb im April 1918 als Antwort auf einen Brief seiner Frau: "Also so lieb hast Du mich das Du für mich arbeiten und mich pflegen willst, wenn ich als Krüppel zurückkehren sollte, und ich hatte mir schon fest vorgenommen, mich zu erschießen, wenn ich ein Bein oder Arm verlieren sollte. Nun werde ich es aber schön bleiben lassen, nun ich weiß, das ich Dich nicht zur Last falle, sollte ich nicht gesund heimkehren." Ob er nach Hause kam, weiß die Museumsstiftung aber bis heute nicht. (mho)