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Broadband World Forum: "Luxusprobleme" behindern den Glasfaserausbau

Eine Vertreterin der Stadtwerke München moniert, dass sich kaum noch Tiefbaufirmen für die Kabelverlegung finden lassen. Für das sensorgespickte Internet der Dinge seien energieeffiziente Funktechniken wie LoRaWAN gefragt.

Breitbandversorgung

(Bild: dpa, Peter Kneffel/Archiv)

Die Stadtwerke München haben sich das ambitionierte Ziel gesetzt, die bayerische Landeshauptstadt flächendeckend mit Glasfaser zu versorgen. Ein 160 Millionen Euro schweres "Fibre To The Building"-Projekt (FTTB) im verdichteten Stadtkern läuft seit 2009 in Kooperation mit der Providertochter M-net, 32.000 Gebäude sind inzwischen mit bis zu 300 MBit/s angeschlossen. Über eine zweite Initiative sollen nun für 200 Millionen Euro in den kommenden fünf Jahre weitere 35.000 Häuser außerhalb des Mittleren Rings einbezogen werden. Das Vorhaben stößt aber auf ein "Luxusproblem", wie die Telekommunikationsleiterin bei dem kommunalen Versorger, Nicole Gargitter, am Mittwoch erklärte.

Die Stadtwerke hätten das erforderliche Geld, kriegten die Glasfaser aber "nicht auf die Straße", führte die Fachfrau auf der Herbstkonferenz der Deutschen Breitbandinitiative im Rahmen des Broadband World Forum in Berlin aus. "Es fällt uns schwer, noch Tiefbauarbeiter zu finden." So habe der Versorger für den ersten Abschnitt "drei Anbieter für sechs Cluster" gehabt. Alle hätten sich zum Glück bereit erklärt, jeweils in zwei Gebieten zu buddeln.

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"Dazu kommen auch Materialengpässe", beklagte Gargitter weiter. Werde etwas geliefert, sei die Qualität teils mangelhaft. Angekommen seien etwa "Kabel mit Löcher im Mantel", die zurückgeschickt werden mussten. Für die Praktikerin ist damit klar: "Der ganze Markt ist unter Druck."

Deutschland ist zwar alles andere als ein Glasfaservorreiter unter den Industriestaaten. Trotzdem ist der Ausrüstungsbedarf groß. Allein für die FTTB-Unternehmung im Zentrum seien rund 7000 Kilometer Kabel mit 260.000 Kilometer Faserlänge verlegt worden, berichtete Gargitter. Sie sprach von "über 500 Projektbeteiligten" mit rund 97 Prozent externen Dienstleistern, die alle unter einen Hut gebracht werden müssten.

Parallel zur weiteren Stufe des Glasfaserausbaus wollen die Stadtwerke laut der Telco-Expertin den Weg für den künftigen Mobilfunkstandard 5G freimachen. Die Netzbetreiber starteten Pilotprojekte, wofür sie deutlich mehr Antennenstandorte mit Anschluss an Hochgeschwindigkeitsleitungen bräuchten. Die Kommunalgröße wolle hier als Partner fungieren und "Stadtmöbel" wie Bus- und Tramhaltestellen sowie Trafo- oder Radstationen als Masten anbieten.

"Smart City"-Dienste und das Internet der Dinge machte Gargitter als weitere Geschäftsfelder aus: "Wir wollen Daten aus der Stadt einsammeln und daraus lernen", konstatierte sie. Um die dafür benötigte Sensorik zu vernetzen, sei die Funktechnik Long Range Wide Area Network (LoRaWAN) auf einem freiem Frequenzband vergleichsweise günstig. Sie verknüpfe zudem die Vorteile hoher Reichweite und Energieeffizienz miteinander. 20 LoRa-Gateways für 1,3 Millionen Euro dürften laut Gargitter ausreichen, um die gewünschten Daten zusammenzuführen und für Anwendungen aufzubereiten, wie die Beobachtung von Parkräumen und Ladesäulen oder die Heizkostenauslese bei intelligenten Messgeräten.

Die Deutsche Telekom schwört für vergleichbare Dienste auf den alternativen Standard NarrowBand-IoT. Neben Parkplätzen wolle man auch Briefkästen mit darüber kommunizierenden Sensoren ausrüsten, kündigte Ingo Hofacker an, der bei T-Systems für das "Internet of Things" (IoT) zuständig ist. Das Internet der Dinge sei "zu 90 Prozent Mobilfunk", meinte er, sodass die Bonner und andere Netzbetreiber hier "einfach mal experimentieren" könnten und sollten.

"Wir müssten viel stärker in Bereich der Datenanalyse einsteigen", wies Lena-Sophie Müller, Geschäftsführerin der Initiative D21, in eine ähnliche Richtung. Sonst werde es auch nichts mit der vielbeschworenen Digitalisierung der Verwaltung und dem hierzulande darbenden E-Government. "Für Daten und Software fehlt Städten in der Regel die Kompetenz", gab Walther Haas, Mitglied der Geschäftsleitung von Huawei Deutschland, zu bedenken. Oft würden Lösungen "von kleinen Unternehmen spezifisch entwickelt" und liefen dann auf einem Server, der im Betrieb "unter dem Tisch steht". Nötig sei dagegen eine digitale, auf offenen Standards basierende Plattform, um kommunale Daten zu konvertieren und einen Zugriff darauf zu ermöglichen.

"Wir werden mit Datenbank-Pilotprojekten starten", ließ Christian Pegel, Minister für Energie, Infrastruktur und Landesentwicklung in Mecklenburg-Vorpommern, durchblicken. Dabei werde es darum gehen, einen Großteil der bei der Verwaltung derzeit in verschiedenen Silos vorhandenen Informationen zu zentralisieren. Denkbar sei es etwa, Melderegister und Schuldateien zusammen zu legen, wandte sich der SPD-Politiker gegen "fehlgeleitete Datenschutzreflexe". Es müsse darum gehen, den Bürgern Spaß an der neuen Dienstewelt zu vermitteln und von Ängsten wegzubringen.

Auch Darmstadt sei als Gewinnerin des Wettbewerbs "digitale Stadt" des Branchenverbands Bitkom gerade dabei, "Smart Parking", autonom fahrende Minibusse oder eine "Verkehrsverflüssigung durch Open Data in Echtzeit" in Angriff zu nehmen, verriet Georg Haumann vom Amt für Stadtentwicklung der hessischen Kommune. Dabei sollten die informationelle Selbstbestimmung und der Datenschutz aber nicht geopfert werden, gab er Pegel Paroli. Es dürfe nicht heißen: "'Digital First' und alles andere später." (Stefan Krempl) / (kbe)

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