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Brockhaus-Datenbank offen im Internet [Update]

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Eigentlich wird der erste Band der 21. Auflage der Brockhaus Enzyklopädie erst im Herbst erscheinen. Findige Internetnutzer konnten aber schon vorzeitig einen kritischen Blick auf das Werk werfen: Eine Datenbank mit den Texten der Enzyklopädie lag offen im Internet. Ausgerechnet ein Beisitzer im Vorstand von Wikimedia Deutschland fand den öffentlichen Zugang zu der Wissensdatenbank und informierte den Brockhaus-Verlag von der Panne.

Mathias Schindler hatte einer Podiumsdiskussion beigewohnt, an der Alexander Bob teilnahm, der als Vorstandssprecher des Verlags Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus für die Herausgabe der Enzyklopädie verantwortlich ist. Dort kam ein Forschungsprojekt zur Sprache, mit dem in Zukunft die Recherchen im Brockhaus-Bestand vereinfacht werden sollen. Schindler suchte nach weiteren Informationen über dieses Projekt und stieß schließlich bei Google auf eine Powerpoint-Datei. In der Präsentation war auch ein Screenshot eines Abfrageinterfaces enthalten. Klar zu erkennen: die Internetadresse, unter der die Datenbank zur Verfügung stand. Als Schindler diese Adresse aufrief, gelangte er zu einer Seite mit Fehlermeldungen, stieß aber auch auf eine ungeschützte Suchmaske. Diese Suchmaske ermöglichte unter verschiedenen URLs Zugriff auf mehrere Datenbanken, die offenbar die Einträge des Produkts Brockhaus Multimedia und der kommenden Ausgabe der 30-bändigen Brockhaus-Enzyklopädie enthielten.

Die Datenbanken lagen auf einem Server des Instituts der Gesellschaft zur Förderung der Angewandten Informationsforschung an der Universität in Saarbrücken. Dort werden unter dem Projektnamen LEWI für Brockhaus neuartige Schnittstellen für Volltextdatenbanken entwickelt. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

Das Informationsleck ermöglichte einen Einblick in die neue Suchmethode, die bei den nächsten Brockhaus-Produkten zum Einsatz kommen soll. Die noch experimentell anmutende Suchmaschine ermöglicht es, Fragen in natürlicher Sprache mit dem Brockhaus-Bestand abzugleichen. So führte die Eingabe "Welches Tier hat zwei Höcker?" folgerichtig als Erstes zum Brockhaus-Artikel über Kamele. Dieses Feature ist für die digitale Fassung des Brockhaus gedacht: Neben der normalen Print-Ausgabe in 30 Bänden soll die Enzyklopädie in der kommenden Auflage erstmalig in einer digitalen Version auf einem USB-Stick ausgeliefert werden.

Inzwischen freut sich die Wikipedia-Gemeinde darüber, dass dem Brockhaus das freie Enzyklopädieprojekt nun offenbar einen -- wenn auch nur kurzen -- Eintrag wert ist. Doch völlig zufrieden ist man mit dem durchgesickerten Eintrag nicht: Gemäß dem Wikipedia-Prinzip machen sich die ersten Autoren schon Gedanken darüber, wie man den durchgesickerten Eintrag für die Brockhaus-Redaktion verbessern könnte und hat eine Wiki-Seite für Verbesserungsvorschläge eingerichtet. Ein anderer Vorschlag lautet, als Dankeschön für den Wikipedia-Artikel im Brockhaus den Brockhaus-Artikel in der Wikipedia zum exzellenten Artikel auszubauen.

[Update]:
Glücklich ist man in Mannheim über die ungewollte Vorschau nicht. "Die Daten lagen nicht in einem einfach zugänglichen Bereich, waren aber unter Einsatz einer gewissen Findigkeit abrufbar. Wir wollen nicht gleich von krimineller Energie sprechen, aber für Respekt, Sportlichkeit und Fairness im Umgang miteinander spricht der Vorgang auch nicht", sagte mittlerweile Bernd Kreissig, Geschäftsführer der Brockhaus Duden Neue Medien GmbH, gegenüber heise online. Immerhin habe man den Verlag zeitnah auf das Leck aufmerksam gemacht. "Die Veröffentlichung eines kompletten Artikels aus unserem neuen Werk stellt allerdings einen Verstoß gegen das Urheberrecht dar, selbst wenn es wohl als nette Geste gemeint war", betonte Kreissig. (Torsten Kleinz) / (Torsten Kleinz) / (jk)

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