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Buchverleger zwischen Piraten, Kunden und Rechteschutz

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Autoren und Politiker der Piratenpartei plädierten auf einer Branchenkonferenz für einen offenen Dialog aller Seiten über das Urheberrecht und Schutzmöglichkeiten. Nicht alle Rechtsverletzer seien "schäbig, kleinkariert und Arschlöcher", erklärte die Publizistin Kathrin Passig am Mittwoch auf der Jahrestagung des Arbeitskreises Elektronisches Publizieren (AKEP) des Börsenvereins des deutschen Buchhandels in Berlin. Jeder Nutzer gehöre dieser Gruppe eventuell selbst hin und wieder an, warf Passig ein. Auch Sachbuchautoren etwa müssten sich "über Rechte der großen Wissenschaftsverlage täglich hinwegsetzen", um auf Texte zugreifen zu können, die für Recherchen benötigt würden.

Für Urheber und Verwerter seien es "herausfordernde Zeiten", räumte Passig ein. Es gebe neue Arten der Verbreitung und Finanzierung von Werken, es sei aber schwer, für Umsatzeinbrüche im Verlagswesen "einen klaren Schuldigen auszumachen". Die Sorge um den eigenen Beruf dürfe nicht dazu führen, "dass man sich den Feind so konstruiert, wie man ihn gerne hätte". Zudem seien Titulierungen wie Piraten, Räuber und Content-Mafia fehl am Platz. Verschiedene Gruppen hätten durchaus legitime Interessen, es müssten Kompromisse gefunden werden.

Enno Lenze, Mitglied der Piratenpartei und Geschäftsführer eines Berliner Nischenverlags, erinnerte zunächst daran, dass der Veranstaltungsort in Form des Berliner Congress Center (bcc) beim Jahrestreffen des Chaos Computer Clubs (CCC) "regelmäßig den größten Filesharing-Knoten Europas" bilde. Die Piraten seien weder darauf aus, das Urheberrecht abzuschaffen, noch eine Almosenpolitik für Kreative zu betreiben. "Wir wollen den Buchhandel und Bücher erhalten, sodass alle Kunstschaffenden mit ihren Werken Geld verdienen können."

Schon das Wort "Piraten" habe etwas von "falscher Romantik", konstatierte Rowohlt-Geschäftsführer Peter Kraus vom Cleff. Es handle sich dabei um "reines Marketing einer Partei". Manche ihrer Beweggründe seien aber richtig. So dürfe nicht jede Lappalie verfolgt werden. Rowohlt gehe gegen illegal kopierte Werke nach Hinweis betroffener Autoren vor. Dabei entstünden Kosten in Höhe von 160.000 Euro pro Jahr, wenn Dienstleister beauftragt werden, Host-Providern Aufforderungen zuzusenden, sie mögen Titel herunternehmen. Dem stehen 14.000 Euro Einnahmen durch die Rechtsverfolgung gegenüber. Die Diensteanbieter müssten daher mehr Verantwortung übernehmen. Rowohlt habe eine eigene Online-Leihbibliothek gegründet und werde von Herbst an ein Bündelangebot aus gedrucktem Buch und E-Book starten. Gegen einen Preis von Null könnten sich derartige Dienste aber nur schwer durchsetzen.

Matthias Leonardy, Geschäftsführer der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU), meint, der Gesetzgeber müsse im Kampf gegen die illegale Verwertung endlich tätig werden. Es dürfe nicht sein, dass jeder Kreative "mit dem Klingelbeutel in der Manege herumlaufen" oder sich selbst als Kaufmann einbringen müsse. Der Neunetz-Blogger Marcel Weiß sprach sich dagegen dafür aus, "pragmatisch mit dem Verhalten der Menschen umzugehen". Crowdfunding, Ansätze wie "Bezahl, was du willst", Werbung, der spezielle Zugang zu Plattformen und sozialen Netzwerken, Auffindbarkeit, Personalisierung oder Schnelligkeit seien durchaus erfolgsversprechende Modelle.

"Macht was, dass ich E-Books für kleines Geld bekomme", forderte Stefanie Leo als Leser-Vertreterin die Verleger auf. Sie habe sich vor zwei Jahren ein Lesegerät gekauft, sich dann aber über die Systeme zum digitalen Rechtekontrollmanagement (DRM) und die hohen Preise geärgert. "Ich bin beim Gedruckten geblieben", resümierte Leo. "Das besitze, verkaufe und verleihe ich und schmeiße ich auch mal in die Ecke." AKEP-Sprecher Steffen Meier brachte schließlich einen "standardisierten 'weichen' Rechteschutzmechanismus" ins Spiel. Die Branche müsse das Heft in die Hand nehmen, um Insellösungen zu überwinden und die Akzeptanz digitaler Produkte zu erhöhen. (Stefan Krempl) / (anw)

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