Menü

Bundesdruckerei und Fraunhofer-Institut eröffnen Sicherheitslabor

vorlesen Drucken Kommentare lesen 39 Beiträge

Der Leiter des IZM, Herbert Reichl, und Ulrich Hamann, Chef der Bundesdruckerei, bei der Eröffnung des "Security Lab"

Die Bundesdruckerei und das Berliner Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration ( IZM) arbeiten künftig gemeinsam an Identitätsdokumenten der nächsten Generation mit winzigen RFID-Chips und der Verknüpfung mit ID-Management-Lösungen. Die beiden Kooperationspartner haben dazu am heutigen Mittwoch beim IZM in Berlin ein "Security Lab" eröffnet, das die Bundesdruckerei gleichsam als verlängerte Werkbank nutzen möchte. Das Sicherheitslabor besteht derzeit aus drei Einzelabteilungen, in denen es um die Antennenfertigung, die Verknüpfung des Funkelements mit einem Chip von weniger als zehn Mikrometer, die Laminierung des Dokuments in Handfertigung sowie die Materialprüfung geht. Gleichzeitig arbeiten Forscher in dem Labor auch daran, das manuelle Verfahren in ein maschinelles Produktionssystem zu überführen.

"Wir wollen zu einer neuer Klasse von Dokumenten kommen, die es dem Menschen ermöglichen, einen digitalen Stellvertreter im Netz zu haben", erläuterte Ulrich Hamann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Bundesdruckerei GmbH. Die Überbrückung der Kluft zwischen der physischen und der digitalen Welt funktioniere nur mit einem Chip und am besten mit einem biometrischen Verfahren zur Identitätsprüfung. Sein Haus habe vor zwei Wochen bereits einen Stiftungslehrstuhl an der FU Berlin gestiftet zur Erforschung der Frage, wie sichere Verfahren zum Identitätsmanagement in die Netzwelt Einzug halten könnten und welche gesellschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen es dafür brauche. Nun mache man mit dem Labor den zweiten Schritt zur konkreten Fertigung der physischen Komponenten in Kartenform. Schließlich würden sich bereits zwischen 75 und 80 Prozent des Geschäfts des ehemaligen Staatsbetriebs auf Identitätsdokumente belaufen.

In Bezug auf die aktuelle Sicherheitsdebatte merkte Hamann an, dass das Thema oft falsch verstanden und nur als Bedrohung für den Datenschutz dargestellt werde. Doch "ohne Sicherheit ist keine Freiheit" zitierte der Chef der Bundesdruckerei Wilhelm von Humboldt und schloss sich damit den Argumenten der CDU/CSU-Fraktion für einen weiteren Ausbau des Überwachungsnetzes an.

Maschinelle Produktion im Reinraumlabor

Der Leiter des IZM, Herbert Reichl, beschränkte sich stärker auf technische Ausführungen. "Wir machen Chips so dünn, dass sie in Papier zu integrieren sind", führte er aus. Die Kontakte halte man zugleich so fein, dass sie sich mit einer "nicht mehr sichtbaren" Antenne verdrahten lassen. Zudem werde die Hardware so zuverlässig gemacht, "dass sie dem täglichen Gebrauch standhalten" könne. So wird im Labor etwa eine beschleunigte Alterung der Chipkarten in einem Ofen herbeigeführt, wobei die Elektronik Temperaturschwanken zwischen minus 40 und plus 80 Grad Celsius ausgesetzt wird. Daneben müssen die Funkchips Feuchtigkeitsbelastungen bei 85 Prozent Luftfeuchtigkeit und 85 Grad Celsius über sich ergehen lassen, damit sie im Alltag auch die Waschmaschine überleben.

Die Halbleiterelemente für die neuen RFID-Chips sind so dünn, dass man den Wafer biegen kann

Die verwendeten Halbleiterelemente sind Reichl zufolge unter sechs Mikrometer dünn, sodass man durch die Wafer fast wie durch Glas durchsehen und sie biegen kann. Die Antennen werden nicht viel dicker mit zehn bis 20 Mikrometer gedruckt, wobei auf einem flexiblen Substrat entsprechende Strukturen durch mit Silber-Nanopartikel gefüllte Pasten aufgebracht werden. Aktuell erfolgt die Montage des Chips dann, indem mit Hilfe eines Dispensers leitfähiger Klebstoff auf die Kontakte der Antenne aufgetragen wird. Darauf wird passgenau das gefertigte Halbleiterelement gesetzt. Vier dieser Funkchips gestapelt messen Reichl zufolge noch nicht einmal die Dicke eines Blatt Papiers. Zum Vergleich: Standardchips belaufen sich heute auf 300 Mikrometer, bei Sonderanwendungen auf 100 Mikrometer.

Die Lebensdauer dieser Generation von RFID-Tags schätzt Reichl auf mindestens zehn Jahre. Unklar sei, wie man mit Dokumenten verfahren könne, "die wieder verschwinden sollen". Aus den gepressten Karten seien die Chips ohne völlige Zerstörung jedenfalls nicht mehr herauszubekommen. Als Anwendungsszenario stellt sich der Chef von 180 Mitarbeitern im IZM unter anderem eine Verknüpfung der Karten mit Displays an unterschiedlichen Orten vor. Diese könnten dem Nutzer etwa mitteilen, wie viel Geld noch in seinem elektronischen Portemonnaie oder wie viel Bier noch im Kühlschrank sei. Dabei müsse etwa über eine biometrische Fingerabdruckprüfung aber sichergestellt sein, dass auch wirklich nur der berechtigte Nutzer auf die persönlichen Daten zugreifen könne. Zudem solle die Technik niemand "terrorisieren". Die Steuerung darüber müsse dem Menschen vorbehalten bleiben und Informationen passgenau geliefert werden.

Eine Sprecherin der Bundesdruckerei brachte gegenüber heise online noch andere Nutzungsmöglichkeiten ins Spiel. So denke das Unternehmen etwa daran, den mit Akzeptanzproblemen kämpfenden Biometriepass mit den Mini-Chips fortzuentwickeln. Damit könne die Belastbarkeit der Ausweisdokumente erhöht werden. Zugleich böte sich so darauf "mehr Platz für Sicherheitsanwendungen". Generell seien die RFID-Tags aus dem Labor auch für Personalausweise, Führer- und Fahrzeugscheine oder die EU-Bürgerkarte einsetzbar. Die damit geschaffenen Identitätsmöglichkeiten sollten möglichst nicht nur in öffentlichen E-Government-Diensten, sondern auch bei privaten E-Business-Anwendungen zum Einsatz kommen. So könne etwa auch der Abholschein für die Wäsche bei der Reinigung digital auf einem entsprechenden Dokument gespeichert oder damit auch ein Versicherungsvertrag elektronisch rechtsverbindlich abgeschlossen werden. Das konkrete Chip-Projekt in dem Labor laufe noch für drei Jahre, gedacht sei aber darüber hinaus an eine langfristige Zusammenarbeit. (Stefan Krempl) / (jk)