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Bundestag erwägt Umstieg auf Linux

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Eine elfköpfige Abgeordneten-Kommission sucht nach einem neuen Betriebssystem für den Bundestag. Die Entscheidung wird zwischen Linux und Windows 2000 fallen. Auf den rund 5000 Arbeitsplatzrechnern von Abgeordneten, Fraktionsmitgliedern und der Verwaltung ist derzeit noch Windows NT installiert.

In drei bis vier Monaten will die Kommission des Ältestenrates für den Einsatz neuer Informations- und Kommunikationstechniken und -medien (IuK-Kommission unter dem Vorsitz von Uwe Küster (SPD) ihre Erkenntnisse in schriftlicher Form dem Ältestenrat vorlegen, der dann seine Entscheidung trifft. Bis dahin müssen Zuverlässigkeit, Ergonomie sowie die Kosten beider Alternativen gegeneinander abgewogen werden. Noch ist keine Vorentscheidung gefallen. Sicher ist jedoch, dass es eine eindeutige Empfehlung geben wird. Die Möglichkeit, jedem einzelnen Anwender die Entscheidung zu überlassen, schließt Küster aus, denn man wolle Support nicht für zwei Systeme anbieten.

Vor zwei Monaten hatten Vertreter von Microsoft und SuSE auf Einladung der Kommission die künftigen Entwicklungen in der Windows- und Linux-Welt vorgestellt. Dies diente einem "ersten, groben Vergleich", so Kommisions-Chef Küster. Um weitere Informationen zu sammeln, fuhren sechs Kommissionsmitglieder in der vergangenen Woche nach Amerika. Dort führten sie Gespräche mit Firmenvertretern von Microsoft, Red Hat, Caldera, Oracle und, so Küsters, "mit Anwendern vor Ort".

Der Abwägung von Vor- und Nachteilen müsse nun eine Phase der praktischen Erprobung folgen, sagte Küster. Deshalb schlägt er vor, unter den Fraktionsmitgliedern Freiwillige zu suchen, die innerhalb der bestehenden IT-Infrastruktur des Bundestages den Einsatz von Linux und Windows 2000 erproben. Auf diesem Wege erhalte man Angaben "von ganz normalen Anwendern". Innerhalb seiner Fraktion ließen sich leicht etwa 30 Kandidaten für einen Test mit Linux finden.

Eckart von Klaeden sitzt für die CDU in der IuK-Kommision. Er äußerte im Gespräch mit einem Internet-Newsdienst einige Bedenken gegen den Umstieg auf Linux. Nach Ansicht von Kommisionsmitglied Josef Hollerith (CSU) bleibt auch die Arbeit der Kommision nicht verschont von einer gewissen "Lagerbildung die durch die ganze Computerwelt geht". Im Gespräch mit heise online bezeichnete sich Hollerith als Fan von Linux, das er als "offenes und funktionierendes System" sieht. Nach seiner Meinung stehen die Chancen gut, dass der Abschlußbericht zu Gunsten von Linux ausfällt. Der finanzielle Aspekt spiele bei der endgültigen Entscheidung sicherlich auch eine Rolle; erste Priorität habe allerdings eindeutig die Zuverlässigkeit. Generell sei er gegen Monopole. Zur Microsoft-Strategie gegen Linux sagte Hollerith: "Die haben da einen eingekauft, der gegen Linux agiert."

Im Server-Bereich treffen die Fraktionen ihre Entscheidungen selbständig. Sie haben unabhängige Rechenzentren mit eigenen Systemen der Kommunikation, sogenannte "Vertrauensinsel". In der SPD-Fraktion hat man seit 1995 die Umstellung auf Linux-Derivate betrieben. Mittlerweile ist Linux dort auf allen Servern installiert. Der Bundestag ist dagegen noch in einer Phase der Erprobung. Als erster Netzknoten wurde der Mailserver von Windows NT auf Linux umgestellt. Seitdem funktioniere der Mailversand einwandfrei, so Küster. Vorher sei der Rechner beim Massenversand von E-Mails immer abgestürzt. Wieviele der rund 100 Server in den Fraktionen und der Verwaltung unter Linux laufen, konnte Küster nicht sagen. (dwi)