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Bundeswehr probt Cyberwar

In der Bundesrepublik soll erstmals ein über das Internet geführter Krieg geprobt werden. Das berichtet der Spiegel in seiner neuesten Ausgabe. Bei einem Planspiel, an dem sich auch das Bundesinnenministerium beteiligt, wollen Behörden und Großunternehmen noch in diesem Jahr nach US-Vorbild einen koordinierten Angriff auf deutsche Rechnersysteme simulieren, schreibt das Nachrichten-Magazin.

Das Szenario sieht laut Spiegel vor, dass eine "mafiose, international operierende Gruppe" Deutschland zwingen will, seine "militärischen Kontingente aus dem Kosovo zurückzuziehen". Um dieses Ziel zu erreichen, dringt die Bande zunächst in die Rechner eines Berliner Energieversorgungsunternehmens ein und lege "für mehrere Stunden das gesamte Stromnetz lahm". Während die Mitspieler, darunter Experten der Polizei, der Telekom und des Innenministeriums, noch versuchen, den Schaden zu beheben, sabotieren die Angreifer schon weite Teile des Telefonnetzes der Hauptstadt, heißt es in dem Strategiepapier weiter. Speziell programmierte Computer sollen durch Dauerwahl Telefone blockieren, ein eingeschleuster Täter wird das Rechenzentrum einer Großbank lahm legen. Laut Spiegel soll das Planspiel vor allem die Erkenntnis fördern, dass im Krisenfall in einer computervernetzten Welt Staat und Wirtschaft voneinander abhängig sind und deshalb eng zusammenarbeiten müssen.

Die Diskussion um ein "elektronisches Perl Harbour" ist mit mehreren Jahren Verzögerungszeit aus den USA nun auch nach Deutschland geschwappt. Im Herbst letzten Jahres plädierte beispielsweise der Präsident des Bundesnachrichtendienstes für eine elektronische Aufrüstung der Bundeswehr: "Die Nachrichtendienste interessieren sich für die neuen Technologien, Armeen bilden Hackersoldaten aus", sagte der Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), August Hanning, auf einem Symposium zum "Information Warfare" in Pullach bei München. Auch die NATO stellt sich nach Angaben eines Sprechers verstärkt auf die elektronische Kriegsführung via Internet ein.

Seit 1997 diskutiert eine interministerielle Arbeitsgruppe die Verwundbarkeit so genannter "kritischer Infrastrukturen" der Bundesrepublik durch elektronische Angriffe. Ein nicht autorisierter Zwischenbericht dieser Arbeitsgruppe vom Dezember 99 wird auf diversen Seiten im Internet gespiegelt [1]. Ende Februar hatte eine von Bundesinnenminister Otto Schily einberufene Arbeitsgruppe einen ersten Bericht zur "Gefährdungspotentialen kritischer Infrastruktur vorgelegt". Kritiker, wie etwa die US-Bürgerrechtsorganisation EPIC, halten die Gefahr der elektronischen Kriegsführung für maßlos übertrieben. Sie werfen Militär und Rüstungsindustrie vor, sie wollten mit Hilfe von Horrorszenarien das Geschäft künstlich ankurbeln. (wst [2])


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-43393

Links in diesem Artikel:
[1] http://archiv.quintessenz.at/archiv/msg01209.html
[2] mailto:wst@technology-review.de