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Bundeswehr will Krisen mit Maschinenlernen voraussagen

Das Verteidigungsministerium untersucht mit IBM Software zur IT-gestützten Krisenfrüherkennung. Auch der Bundesnachrichtendienst setzt auf maschinelles Lernen.

Bundeswehr trainiert für hybride Kriegsführung

(Bild: Gorodenkoff/Shutterstock.com)

Gemeinsam mit IBM führt das Bundesverteidigungsministerium gegenwärtig die Forschungs- und Technologiestudie "IT-Unterstützung Krisenfrüherkennung" durch. Ziel ist es, eine "softwarebasierte Lösung" zu finden, die bei der "Bearbeitung großer Datenmengen" sowie der Prognose und Bewertung von Krisenpotenzialen helfen soll. Dies geht aus einer jetzt veröffentlichten Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor.

Die gesuchte lernfähige Software zur Big-Data-Analyse und die damit zu gewinnenden "zusätzlichen Erkenntnisse" sollen "politischen Handlungsträgern" nach "verdichtender Analyse" durch Fachpersonal und einer "abgestimmten Bewertung" Spielraum sowie einen "hinreichenden zeitlichen Vorlauf für Entscheidungen" verschaffen. Ob und welche militärischen Konsequenzen hierbei gegebenenfalls getroffen werden könnten, sei vom Einzelfall abhängig.

Die Anforderungen an das Prognosesystem sind hoch. Dieses soll "strukturierte und unstrukturierte Daten" aus öffentlichen, offenen und als Verschlusssachen eingestuften Quellen berücksichtigen können. Es geht also auch um digitalisierte Informationen, die nicht in einer formalisierten Struktur vorliegen und auf die Computerprogramme so nicht über eine einzelne Schnittstelle direkt zugreifen können. Zudem sollen selbst Angaben aus Geheimpapieren einbezogen werden können. Dafür müssten Auflagen wie eine Zertifizierung durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) eingehalten sowie ein IT-Sicherheits- und Datenschutzkonzept erstellt und die einfließenden Informationen angemessen verschlüsselt werden.

Für die Studie haben die Beteiligten nach Regierungsangaben zunächst Mitte Dezember die IBM-Wissensdatenbank Watson "auf einem speziellen Studiensystem installiert". Diese Software aus dem Bereich Künstlicher Intelligenz (KI) solle selbst aber "nicht der Vorhersage von Krisen" dienen. Sie könne dabei eventuell "durch semantische Analyse von Quellendaten und Lagedarstellung" helfen. Außerdem sind für die Untersuchung bereits mehrere "Ereignisdatenbanken" zu bewaffneten Konflikten und terroristischen Anschlägen sowie Medienberichten angebunden. Die Rede ist von den Systemen "Armed Conflict Location & Event Data" (ACLED), der "Global Database of Events, Language, and Tone" (GDELT) sowie der "Global Terrorism Database" (GTD).

Derlei bestehende Datenbanken sollen zunächst evaluiert werden, wobei die Universität der Bundeswehr München zur Seite stehe und Ergebnisse überprüfe, versichert die Regierung. Der angepeilte "Prognosehorizont" umfasse für die Studie sechs bis 18 Monate. Aussagen zu den Kosten des Systems könnten erst getroffen werden, wenn eine technische Lösung vorliege und es an die Auftragsvergabe gehe.

Zweck der Untersuchung sei es nicht, "allgemeine Meinungs- und Stimmungslagen" auszumachen, heißt es. Um soziale Medien wie Twitter und Facebook auszuwerten, erarbeite das Verteidigungsministerium gegenwärtig eine "generelle Position". Die Bundeswehr nutzt in diesem Sektor seit 2014 die Analysewerkzeuge Textrapic und Brandwatch. Diese hätten ihre Potenziale unter Beweis gestellt.

Im Geschäftsbereich des Bundeskanzleramtes nutzt laut der Antwort zudem der Bundesnachrichtendienst (BND) das Big-Data-Produkt SAP Hana "zur Verarbeitung und Auswertung offener Daten aus dem World Wide Web". Dieses sei vorab im Rahmen einer Marktrecherche untersucht worden. Das Hana-Portfolio beinhalte eine "Predictive Analytics Library" (PAL), die – vornehmlich für ökonomische Anwendungsfelder – Vorhersagen über Preisentwicklungen, Umsatzprognosen oder ähnliches errechnen solle. Darüber hinaus arbeitet der BND mit verschiedenen Open-Source-Werkzeugen für maschinelles Lernen, ist dem Papier zu entnehmen. (Stefan Krempl) / (axk)

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