Menü

Die Herausforderungen beim Aus- und Umbau der Netze für die öffentliche Sicherheit

Wie kann die Kommunikation der Sicherheitsbehörden breitbandig werden? Das die zentrale Frage bei der Critical Communications World in Berlin. Die Beispiele Deutschland und Norwegen zeigen die unterschiedlichen Herausforderungen.

von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 14 Beiträge
Polizeifunk

(Bild: laolaopui/Shutterstock.com)

Die TETRA- und Tetrapol-Kommunikationsnetze für Behörden mit Sicherheitsaufgaben müssen erneuert werden und sich dem Bedarf an multimediale Kommunikation anpassen. Wie es deshalb nun damit weitergeht und was die Bundeswehr plant, wurde auf der Critical Communications World in Berlin vorgestellt. Erfahrungen europäischer Nachbarn zeigen, dass die Aufgabe anspruchsvoll ist, wenn die Netze nicht mehr im Bereich der staatlichen Hoheitsaufgaben liegen.

Thomas Scholle

(Bild: heise online/Detlef Borchers)

Die Bundesrepublik Deutschland betreibt das größte TETRA-Kommunikationsnetz der Welt. Über mehr als 4600 Basis-Stationen setzen derzeit 793.000 Teilnehmer monatlich 50 Millionen Funksprüche ab, fasste Thomas Scholle, technischer Direktor der Bundesanstalt für den Behörden-Digitalfunk die Situation zusammen. Mit einer Abdeckung von 99 Prozent des Landes und durchschnittlich 99,97 Prozent Verfügbarkeit in den vergangenen drei Jahren habe man seit 2008 ein System errichtet, das nunmehr modernisiert wird. Während Basis-Stationen, Funkgeräte und Alarmierungs-Pager erhalten bleiben, sollen die 64 TETRA-Vermittlungsstellen von 2019 bis 2020 durch ein IP-basiertes System ersetzt werden.

Das serverbasierte System mit deutlich kostengünstigeren "Off-The-Shelf"-Komponenten ist auf vier Millionen Teilnehmer im Funknetz ausgelegt, wobei die "Teilnehmer" nicht nur sprechen, sondern auch heulen können: Mit der IP-Migration wandert die bisher analoge Sirenenalarmierung ins digitale Funknetz. Weitere Teilnehmer können in der anstehenden Car-to-Car Kommunikation die Einsatzfahrzeuge von Polizei und Feuerwehr sein. Nach dieser Migration steht die Integration von LTE/5G an, die die BDBOS von 2021 bis 2025 erproben und bis 2030 bundesweit realisieren will. Eigens dafür ist man bei der ETSI Mitgied im 3GPP-Gremium geworden, um Mitsprache bei den künftigen Standards zu haben.

Auch Norwegen hat mit dem Nødnett ein regierungseigenes Funknetz installiert, das 2071 Basis-Stationen umfasst, nicht gerechnet die Sonderlösungen für die zahlreichen Tunnel des Landes. Wie Tor Helge Lyngstøl von der norwegischen Zivilschutzbehörde DSB berichtete, ist man mit einer Abdeckung von 86 Prozent des Landes und einer Verfügbarkeit von 99,95 Prozent sehr zufrieden, schaut aber in eine ungewisse Zukunft. Anders als in Deutschland, wo die Entscheidung noch aussteht, hat sich die norwegische Regierung dafür entschieden, die für LTE vorgesehenen Frequenzblöcke von 2 mal 30 MHz im 700 MHz-Band kommerziellen Providern zu geben. Nødnett ist also gezwungen, für den künftigen Breitbandausbau entweder als mobiler virtueller Netzprovider (MVNO) anzutreten oder sich bei einem der drei norwegischen Anbieter oder gleichteilig bei allen dreien als Untermieter einzuquartieren.

Aktuell sammelt man Informationen über diese Varianten, muss sich aber bis Ende 2019 entschieden haben. Besonders strittig ist, wie die Priorisierung der Sicherheitskräfte in einem Katastrophenfall erreicht werden kann, wenn das Netz überlastet wird und wie es um die Abhörsicherheit des Netzes bestellt ist. Das "alte" Nødnett will man noch lange nicht abschalten, schließlich sind die Basis-Stationen darauf ausgelegt, je nach Lageort 8 bis 48 Stunden weiter zu senden und zu empfangen, wenn der Strom ausgefallen ist. Dies ist bei kommerziellen Providern nicht gewährleistet.

Abzeichen der D-LBO

(Bild: heise online/Detlef Borchers)

Mit einem neuen schicken Bundeswehr-Abzeichen präsentierte Oberstleutnant Andreas Wack vom Bundesamt für Ausrüstung und Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr das neueste Projekt D-LBO, ausgeschrieben Digitalization of Land Based Operations. D-LBO ist der Nachfolgenahme des Projektes Mobile Taktische Kommunikation, in dem das seit 2006 genutzte Tetrapol-System der Bundeswehr durch ein neues militärtauglichen TETRA-Verbundsystem mit 90.000 Funkgeräten ersetzt werden soll. Ergänzend umfasst D-LBO nun auch MoTIV, die Mobile Tactitical Information Processing. Hier müssen 25.500 Fahrzeuge vom Enok bis zum Leopard mit TETRA-Funk und der Kapazität zum Datenaustausch ausgerüstet werden. In Kürze will man die europaweite Ausschreibungen veröffentlichen, damit 2020 die Einrüstung erfolgen kann.

Die Herangehensweise an die Ausrüstung

(Bild: heise online/Detlef Borchers)

Die Ausschreibungen müssen berücksichtigen, dass die Kommunikation der Bundeswehr weltweit unter widrigsten Bedingungen sichergestellt ist und jedes einzelne Geräte eine Mindestreichweite von 2 Kilometern hat. Die Modernisierung ist landbasiert, weil die Marine ohnehin mit TETRA-Funkgeräten arbeitet. Wie Wack ausführte, hofft man, bis 2025 Klarheit zu haben, wohin sich LTE/5G entwickelt, um dann in einem zweiten Ausrüstungsschritt die entsprechende Breitbandtechnik anzuschaffen und gleichzeitig das TETRA-Netz modernisieren zu können. Mit LTE Ad-Hoc-Netzen bei Kolonnenfahrt habe man in Afghanistan schon gute Erfahrungen mit multimedialen Führungsinformationssystemen gemacht.

[Update 18.05.2018 – 8:25 Uhr] Ein falsch beschriftetes Foto wurde ausgetauscht. (Detlef Borchers) / (mho)

Anzeige
Zur Startseite
Anzeige