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CD-Kopierschutz: Die Musikindustrie schadet sich selbst

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CD-Käufer sind verunsichert: Können sie sich noch darauf verlassen, dass die Audio-CDs, die sie im Laden erstehen, auch wirklich überall und jederzeit abgespielt werden können? Diverse Schwierigkeiten mit Kopierschutzmechanismen, die die Musikindustrie eingeführt hat, verärgern zunehmend die Konsumenten -- im PC lassen sich entsprechend ausgestattete Silberlinge meist gar nicht mehr abspielen, sogar manche CD-Player in der heimischen Stereoanlage verweigern ihren Dienst, und vom Kopieren für privaten Gebrauch würde bei den Labels am liebsten niemand mehr etwas hören.

Damit aber geht die Musikindustrie in eine Richtung, die ihre Umsätze weiter gefährdet, meinen die Marktforscher von GartnerG2, eine Sparte von Gartner zur Untersuchung bedeutender Trends für einzelne Industriesparten. Denn durch Kopierschutz verärgerte Kunden seien verlorene Kunden für die Labels. Die Konsequenz, die die Marktforscher daraus ziehen, dürfte sich für eben diese Kunden allerdings recht seltsam anhören: Nicht etwa den Verzicht auf den Kopierschutz und bessere Musik- und Online-Angebote, wie sie etwa die Kollegen von Forrester oder der Yankee Group schon empfahlen, legt Gartner der Musikindustrie nahe. Vielmehr sollen die kopiergeschützten Audio-CDs deutlich gekennzeichnet sein, bis entsprechende "Technik-Standards optimiert und allgemein eingeführt" seien.

Dabei sprechen die Zahlen, die Gartner selbst vorlegt, eine deutliche Sprache, was die Wünsche der Kunden angeht. 77 Prozent der Befragten sind der Ansicht, sie sollten CDs für den persönlichen Gebrauch in weiteren Geräten kopieren können. Immerhin 60 Prozent verstehen unter "privatem Gebrauch", für den beispielsweise nach deutschen Urheberrecht das Kopieren geschützter Werke erlaubt ist, auch die Weitergabe von CD-Kopien an Familienmitglieder. Und für Sicherungszwecke halten sogar 82 Prozent die Möglichkeit, Kopien zu ziehen, für notwendig. An der Befragung nahmen 1.005 US-Bürger teil, die 18 Jahre oder älter waren, sowie 1.009 Jugendliche im Alter zwischen 13 und 17.

Die Diskussion um den Kopierschutz für Audio-CDs ist so alt wie das Aufkommen von Online-Tauschbörsen und die massenhafte Verbreitung von CD-Brennern. Aber selbst bei Musikern ist beispielsweise die Ansicht der Musikindustrie, mit Kopierschutz ginge es den Künstlern besser, heftig umstritten. Die Labels dagegen klagen seit Jahren, CD-Brenner und Tauschbörsen seien Schuld an massiven Umsatzeinbrüchen -- und suchen immer wieder neue Partner zur Bekämpfung der Raubkopien. Die Branche hofft in Deutschland beispielsweise auf die Novellierung des Urheberrechts: Nach den bisherigen Entwürfen wäre zwar weiter die Privatkopie gestattet, Kopierschutzmechanismen stünden aber unter dem besonderen Schutz des Gesetzes. Und die Industrie scharrt schon lange mit den Füßen und hofft auf die massenhafte Einführung von Maßnahmen zum Digital Rights Management (DRM). Ob das tatsächlich die richtige Strategie ist und verlorene Kunden zurückbringt, darf auch nach der neuesten Gartner-Studie wohl mit Fug und Recht bezweifelt werden.

Zum Thema Kopierschutz und Digital Rights Management siehe auch die Meldung "Sicherer Chip" wird PC-User entmündigen. Der Artikel über Technik und mögliche Konsequenzen der Trusted Computing Platform Alliance (TCPA) und Microsofts Palladium-Initiative, den c't in der Ausgabe 22/2002 veröffentlichte, ist auch online verfügbar. (jk)

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