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CES: Der lange Marsch vom PC zum TV

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Die Consumer Electronics Show (CES), die vom 5. bis zum 8. Januar in Las Vegas stattfindet, ist nochmals gewachsen. Schon im Vorjahr drohte sie mit rund 2500 Ausstellern auf 150.000 Quadratmetern und über 145.000 Besuchern aus den Nähten zu platzen. Gut 10.000 Quadratmeter größer ist nun die Austellfläche. Über das Las Vegas Convention Center hinaus hat der Veranstalter nun auch das Sands Convention Center und eine Anzahl Hotels mit einbezogen. Dies dürfte zwar das Gedränge etwas mildern, lässt aber wiederum einige logistische Probleme erwarten. Horden von Besuchern, Verkäufern, Konferenzteilnehmern und Journalisten werden wohl den Las Vegas Strip auf und ab hetzen oder ungezählte Stunden auf ein Transportmittel warten – wie zu den besten Zeiten der legendären Computermesse Comdex.

Die Zugkraft der CES ist im 120 Milliarden US-Dollar schweren, sich rapide verändernden US-Markt der Digitalelektronik nicht verwunderlich. Im abgelaufenen Jahr wurden weltweit 300 Millionen Kamera-Handys verkauft, die der enorme Preissturz vergangener Jahre zum Allerweltsgut machte. Bei Flachbildfernsehern halbierten sich 2005 im Schnitt die Preise, während sich ihr Umsatz verdoppelte, rechnet die Marktforschungsfirma Parks Associates vor. Sie brachten allein in den USA rund 18 Milliarden US-Dollar ein und werden 2006 noch einmal um 100 Prozent zulegen, erwartet James Sanduski vom Marktführer Samsung America. Bis 2009 könnten allein LCD-Schirme den US-Markt auf 65 Milliarden schrauben, kalkulieren die Parks-Analysten.

Wie selbstverständlich hält Microsoft-Gründer Bill Gates wieder die Einführungsrede am Messe-Vorabend – diese exklusive Position hat sich die Software-Firma vertraglich angeblich bis 2012 gesichert. Da Gates' Lieblingsthema die Zukunft der Software im allgemeinen und die der eigenen Produkte im besonderen ist, sind wichtige Details zur Medienfähigkeit des kommenden Betriebssystems Vista zu erwarten. Für den Windows-XP-Nachfolger hatten die Redmonder jüngst "halb-offizielle" PC-Hardware-Anforderungen veröffentlicht. Außerdem will Gates auch über Windows Mobile reden. Dies nährt Gerüchte, dass Microsoft ein eigenes Media-Abspielgerät als Konkurrenz zu Apples iPod zeigen wird.

Auch der Rest der Kongressprogramms wird von der Computer-Industrie dominiert. Intel-Chef Paul Otellini und Michael Dell geben sich am ersten Tag die Ehre. Mit Sony-Chef Howard Stringer ist davor auch mal der Leiter eines klassischer Elektronikkonzerns an der Reihe. Spiele-Fans warten sehnlichst darauf, dass der Wahl-Japaner die Playstation 3 zeigt, die im Laufe dieses Frühjahrs kommen soll. Als sicher gilt jedenfalls die Vorstellung eines 82-Zoll-LCD-Fernsehers. Von Paul Otellini werden technische Details zu den Wohnzimmer-PCs Marke VIIV verraten, die mit Fernbedienung und mediengerechter Nutzeroberfläche kommen sollen. Gateway gehört zu den ersten Herstellern, die solche Rechner in Las Vegas zeigen.

Ein interessantes Rededuell steht am Freitag zwischen Terry Semel, dem Vorstand von Yahoo, und Google-Mitgründer Larry Page an. Beide Internet-Dienste haben zuletzt speziell durch ihre Aktivitäten bei der Mediendistribution auf sich aufmerksam gemacht. Googles Deal mit AOL hat dem Suchspezialisten nicht nur ein lukratives Werbegeschäft gesichert, sondern auch dem Konkurrenzdienst MSN einen harten Schlag versetzt. Yahoo schloss vor wenigen Wochen eine Kooperation mit Tivo, dem populärsten Anbieter von Harddisk-Recodern nebst interaktivem TV-Programmführer. Von Yahoos umfangreichem TV-Portal aus können Internet-Nutzer jetzt per Mausklick Sendungen auf beliebigen Kanälen zur Aufnahme auf ihrem Tivo-Gerät programmieren. Diese nahtlose Verknüpfung von Internet-Suche oder -Katalog mit der Wohnzimmer-Elektronik gilt als Modellfall für neue Formen der Mediennutzung, die Inhalte aus dem Internet auf Fernsehern und anderen Plattformen bereitstellen.

Bereits vor Monaten hat Yahoo die Firma Verdisoft übernommen. Bei Verdisoft handelt es sich um eine Gründung von Marco Börries, der schon als 16-jähriges Hamburger Wunderkind mit Staroffice bekannt geworden war und die Rechte an dem Software-Paket später an Sun verkaufte. Börries brennt darauf, der Welt sein Verdisoft-Serverprogramm vorzuführen, mit dem persönliche Einstellungen und Präferenzen vom PC auf jedes andere Gerät automatisch umkodiert werden. Kalender, Adressbuch, E-Mails und alle Web-Daten stehen so dem Nutzer auf Handy, TV- und anderen Digitalgeräten zur Verfügung.

Eine ähnliche Strategie wird auch vom großen Rivalen Google vermutet. Hier rechnen die Beobachter mit der Einführung eines eigenen Endgeräts namens "Google Cube", in dem sich ein spottbilliger Embedded-Rechner mit hauseigenem Betriebssystem befindet. Dieser Würfel soll den Anschluss für Telefon, TV- und Streaming-Video-Dienste per Internet übernehmen. Google soll bereits mit der Supermarktkette Walmart über den Vertrieb verhandelt haben, gibt aber keinerlei Auskunft zu diesen Spekulationen oder zu Pages Rede am Freitag. Man wird also abwarten müssen. "Die Verbindung zwischen PC und TV ist entscheidend für die Zukunft der Internet-Anbieter," prognostiziert Analyst Richard Doherty von Envisioneering Group. Sie sei allerdings schwer zu meistern.

Fest steht jeoch bereits, dass solche Wunderboxen schon bei anderen Firmen zu sehen sein werden. Leadtek Research, ein Grafik- und Videospezialist aus dem kalifornischen Fremont, stellt ein Settop-Modem vor, das TV-, Telefon- und Videosignale per Internet ins Haus liefert und DVDs abspielt. Die Slingbox von Sling Media, einem Start-up aus San Mateo, wandelt vom PC gespeicherte TV-Sendungen oder Videos zum Versand per Internet um und streamt die Daten auf jedes vernetzte Gerät – vom Notebook bis zum Internet-Handy. Ähnliche Dienste stellt auch Start-up Orb Networks in Aussicht, jedoch ohne eigene Client-Hardware. Der Benutzer installiert nur den kostenlosen Software-Client und abonniert den Gratis-Service, Orbs Server schickt dann die Inhalte vom eigenen PC per Internet oder über den Äther.

Auch Router-Riese Cisco will am Consumer-Geschäft mitverdienen. Die Tochter Linksys tritt außer mit den bekannten Heimnetzlösungen auch mit einem hochauflösenden, netzfähigen DVD-Player an, der von der dänischen Firma Kiss übernommen wurde, sowie mit Service-Leistungen im Bereich VoIP und Video-on-demand. Dazu kommt Ciscos Coup im Kabel-TV-Markt: Bisher ein reiner Lieferant von Unternehmens-Infrastruktur ist Cisco durch den Kauf von Scientific Atlanta im vergangenen November zum größten Hersteller von Kabeldekodern avanciert. Damit gerät der Hersteller jetzt nicht nur in Konkurrenz mit DSL- und Satellitenanbietern, sondern beispielsweise auch mit Commodore. Der Oldtimer im Multimedia-Computing kehrt nach langen Irrwegen zurück auf die CES-Bühne mit einer Media-Center-ähnlichen Settop-Box, einem Kiosk-Medienterminal für den Einzelhandel und einem GPS-Gerät mit eingebautem MP3-Player. (Erich Bonnert) (ssu)